Ups – oder warum wir nicht auf andere schielen müssen

Alles fing mit dem Paketdienst auf der Straße an. „Mama, was bedeutet eigentlich Ups?“, fragt der Jüngste. „Ups? Wie kommst du jetzt darauf?“ „Das steht da auf dem Lieferwagen.“ „Hast du das gelesen?“, frage ich irritiert und schaue wohl auch genauso. Seitdem ist der Fünfjährige nicht mehr zu halten. „Da steht Ufo, was sind A-li-e-ns, wieso heißt es Zo-o, Ba-um-ha-us, ach Baumhaus.“ So geht es in einer Tour. Und ich finde es toll. Klar, er kommt erst nächstes Jahr in die Schule und bis dahin wird er wahrscheinlich ganze Texte lesen können, aber ich finde es toll. Und bin stolz auf ihn. Was ihn wiederum anspornt, noch mehr zu lesen. „Wenn wir einkaufen gehen, kann ich alles auf der Straße lesen. Das ist sooo toll, Mama.“

Ich kann dieses Gefühl gut nachvollziehen. Meine älteste Schwester hat mich von klein an mit in die Bücherei genommen. Die Bücher plötzlich selber, allein lesen zu können, fand ich großartig. Plötzlich die Welt mit anderen Augen sehen lesen, etwas können, was meine großen Geschwister ganz selbstverständlich schon immer taten (schließlich sind sie 9 bis 14 Jahre älter als ich) – gigantisch. Und ich begann Bücher zu verschlingen.

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Beim Abendessen erzählt der kleine dann dem großen Bruder, dass er lesen kann, erzählt vom Paketwagen. Ich sehe den kurzen Augenblick des Erschreckens im Gesicht des Großen. Dann das nachgeschobene „hab ich dir wahrscheinlich mal vorgelesen“. Jetzt hat er den Kleinen beim Ehrgeiz gepackt und der liest, was er auf dem Tisch finden kann. „Bio, Fett, Go-u-da, Apfel…“. Der Große schluckt und sagt toll. Aber ich merke schon, es brodelt was in ihm.

„Er wird jetzt doch erst ein Vorschulkind. Wieso kann er schon lesen?“ Beim ins Bett gehen kommt es raus, darauf habe ich gewartet. Er ist doch der Große, der dem Kleinen die Welt zeigt. Mit ihm Schule spielt, ihm Rechenaufgaben stellt, aber auch immer wieder betont, was der Jüngere noch nicht so kann. So gut zeichnen wie er. Rechenaufgaben nur bis 10 lösen. Und dann kommt dieser Kleine an und kann ausgerechnet Lesen. Das, was ihm unerwarteter Weise zu Schulbeginn am schwersten gefallen ist. Er hatte gedacht, die Buchstaben, das würde ihm zufliegen, wie die Matheaufgaben. Taten sie aber nicht. Er konnte sie alle, aber es brauchte gut ein halbes Jahr, einiges Üben und auch einige Wuttränen über das eigene Unvermögen des jungen Perfektionisten, bis es ‚Klick‘ machte, bis aus Buchstaben Wörter wurden. Ein toller Moment, an die Freude in seinem Gesicht damals kann ich mich immer noch genau erinnern. Und der Kleine kann das jetzt einfach so, ohne Üben, noch vor der Schule?

Er sagt dem Kleinen nichts darüber, bestärkt seinen Bruder. Aber an seinem Verhalten merkt man, es nagt in ihm. Er trödelt mehr, ist launiger, lässt in der Schule den Klassenclown raus. Da ist sie wieder, die doofe Eifersucht.

Und plötzlich zählt nicht mehr, was er alles kann. Super Rechnen. Tolle Kunstwerke malen. Überhaupt fliegt ihm alles Kreative zu. Er ist superschnell auf dem Fußballplatz, schießt Tore, hat Ausdauer. Er experimentiert liebend gern, ist neugierig und wissbegierig. Aber der kleine Bruder kann schon lesen.

Jeder kann etwas besonders gut, nicht alle können alles. Das ist mein derzeitiges Mantra. Ich erzähle ihm von meinen Geschwistern und mir, die Kompetenzen waren hier immer schon klar verteilt. Die Älteste ist der Kreativkopf, voller Ideen, die sie aber im Gegensatz zu mir auch handwerklich umsetzen kann. Die zweite Schwester ist der Struktur- und Orgamensch, für den eine knifflige Steuererklärung eine Herausforderung ist. Der Bruder ist der Mathe- und Technikfreak, ohne den ich wahrscheinlich nie Bruchrechnung und Kurvendiskussion verstanden hätte (Kurvendiskussion. Das sagt doch schon das Wort, dass die Lösung keine Gerade sein kann!). Gut, für mich blieb also nur – das Wort. Ich habe gelesen, gelesen, gelesen. Und erzählt, erzählt, erzählt, bis ich endlich schreiben konnte. So hat sich das ausgeglichen. Meine große Schwester hat für meinen Handarbeitsunterricht gestrickt, der Bruder hat mir Nachhilfe in Mathe gegeben, die andre Schwester hat mir Merkhilfen vermittelt, ich habe Aufsätze und Bewerbungen gegengelesen.

So einfach kann das sein. Aber wie kriegen wir das in den kleinen, nein, schon so großen Kopf des großen Bruders hinein?

Ihm ständig zeigen, was er schon kann. Ihn bestärken, in allem, was er macht. Ihm das Selbstvertrauen vermitteln, dass er genau richtig ist, so wie er ist, mit dem, was er kann. Ohne auf andere oder gar den Bruder schielen zu müssen.

Das, was wir eigentlich doch alle immer mal wieder brauchen. Wissen, dass man so angenommen wird, wie man ist, ohne alles – und das gar noch perfekt – können zu müssen. Und dann auch nicht auf das zu schielen, was andere besser können. Oder was ihnen anscheinend einfach so zufliegt.

Wir freuen uns jetzt erstmal auf den Ferienbeginn. Weniger Druck, mehr Ausgelassenheit. Und machen, was alle in dieser Familie gut können. Wir gehen Eis essen.

Keine Watte im Haus

Watte. Wir haben überhaupt keine Watte im Haus. Okay, ein paar Abschminkpads. Aber das ist ja keine richtige Watte.

Nicht so etwas Weiches, Flauschiges. Was ringsum alles polstert, abfedert, auffängt.

Das haben wir bisher nicht gebraucht. Laufen lassen, die Kinder Dinge erproben und machen lassen, soweit es irgendwie möglich ist, war immer unsere Devise. Ist es noch. Und doch: Ich hätte jetzt gern Watte.

Es ist dieser eine Moment, in dem du Angst hast, alles zu verlieren. Hilflos daneben stehst, im Arm hältst. Und warten musst, was passiert. Diese Minuten, wahrscheinlich nur Sekunden, in denen du denkst, es ist vorbei. Ist es nicht. Gottseidank. Es passiert täglich irgendwo, irgendwem. Im Krankenhaus ist es Alltag. Und es gibt Schlimmeres, ja, viel Schlimmeres. Es ist ja alles gut gegangen. 

Und doch: Ich brauche Watte. Ich möchte die Jungs plötzlich einpacken, beschützen, behüten. Das Laufenlassen fällt mir auf einmal schwer. Ich liege im Bett und lausche ihren Atemzügen nach. Ist der eine so ruhig, gehe ich schauen. Schnarcht der andere irgendwie merkwürdig, stehe ich an seinem Bett.

Das wird wieder besser. Irgendwann zieht der Alltag wieder ein, muss er ja. Der Schlaf kommt irgendwann wieder. Sonst wäre es nicht zu ertragen. Es ist ja auch alles gut gegangen. Der Verstand weiß das. Das Herz hofft es. Im Kopf muss es noch ankommen.

Ich kann die Kinder nicht in Watte hüllen. Ich will sie ja auch eigentlich nicht in Watte hüllen. Aber die Angst, könnte ich nicht die wenigstens gut verpacken, mit Watte eindämmen? Aber vielleicht geht sie ja mit der Zeit von selber. Wir haben nämlich keine Watte im Haus.

Reclaim the Night

Sie schämen sich. Sie bekommen gesagt, es sei doch nicht so schlimm gewesen. Sie sind vielleicht in irgendeiner Form abhängig von dem Täter. Im nachhinein werden sie dann gefragt, ob sie nicht selbst ein bisschen Schuld daran gewesen seien – war der Blick vielleicht auffordernd, der Rock zu kurz, die Gestik mißverständlich? Dabei sind sie die Opfer.

In den vergangenen 20 Jahren in meinem Beruf habe ich so viele Erklärungsversuche gehört, gerade als Gerichtsreporterin so viele fadenscheinige Entschuldigungen von Männern mitbekommen. Trotzdem frage ich mich immer noch, wie kommen manche Männer dazu, einfach zu glauben, sie können eine Frau beleidigend anquatschen, antatschen, belästigen? Was ist an einem Stopp, Nein oder Hör auf mißverständlich?

Und dann sitze ich mal wieder in einem Interview. Zwei Frauen erzählen mir, wie sie Opfer von Gewalt wurden. Eine von ihnen schaut mich an und sagt: „Laut Statistik werden in Deutschland 40 Prozent aller Frauen über 16 Jahre Opfer von Gewalt. Nahezu 60 Prozent werden Opfer sexueller Belästigung. Mehr als jede 2. Frau. Fragen Sie doch mal in ihrem Freundinnenkreis herum. Oder waren Sie schon mal Opfer?“

Ja. Frau muss nicht lange suchen oder herumfragen, um Opfer beispielsweise sexueller Belästigung zu finden. Ich überlege nur kurz.

Meine Freundinnen waren 7, ich 9, als uns dieser Mann auf dem Spielplatz Panik einjagte, indem er uns gezielt ansprach und sich dann vor uns entblößte. Und lachte über unsere Angst.

Ich war 14 und auf dem Nachhauseweg von einer Freundin, als drei ältere Jungs mich einkesselten und meinten, mich anfassen zu können. Das „Lasst mich in Ruhe“ half nicht, wohl aber, dass ich einen von ihnen kannte, wusste, wie er hieß, wo er wohnte, zur Schule ging. Ihn habe ich fixiert und angesprochen. Er sorgte dafür, dass sie mich gehen ließen. Panische Angst hatte ich trotzdem.

Mit 18 machte ich ein Praktikum in einer Redaktion und die Kollegen dort gaben mir mit, ich solle, wenn ich zum Chef ins Büro ginge, immer vorher Bescheid sagen. Dann kämen nämlich regelmäßig Kollegen mit Fragen ins Büro. Als eben dieser Chef mir sagte, er habe gerade leider keinen 2. Stuhl im Büro, ich könne mich während des Redigierens ja auf seinen Schoß setzen, verstand ich, was sie meinten. Nach kurzer Replik hatten wir klargestellt, dass ich Texte nicht mehr von ihm, nur noch von KollegInnen redigieren ließ.

Eine Kollegin, damals schon Redakteurin, hat den anderen nichts gesagt. Auch nicht, als er auf ‚Nein‘ nicht mehr reagierte und tatsächlich übergriffig wurde. Sie schämte sich. Hatte Angst um ihre Stelle. Und selbst als eine andere Kollegin der Redaktion ihn dann anzeigte, er gehen musste, sprachen die beiden Frauen nicht mehr miteinander, weil die eine sich entblößt fühlte, da das Geschehen öffentlich gemachte wurde. Und sie das Gefühl hatte, sie würde als ‚der Makel‘ betrachtet.

Wenn ich nachdenke, fallen mir noch viele weitere Fälle ein. Von Freundinnen, Kolleginnen, Bekannten. „Ist ja nie Schlimmeres passiert“, hab ich schon mal gehört. Klar. Keine von uns wurde überfallen oder vergewaltigt. Aber wir alle wurden Opfer. Wurden betatscht, erniedrigt, verängstigt, kamen mehrfach in Situationen, in denen uns bekannte oder wildfremde Männer zeigen wollten, dass sie die Stärkeren sind – und wir nur das schwache, wehrlose Freiwild. Gewalt als ein Zeichen der Macht. Sexualisierte Gewalt als Zeichen größtmöglicher Erniedrigung, bei dem sich das Opfer möglichst noch schämt, weil es Opfer wurde.

Frauen sind kein Freiwild. Jedes Jahr seit 1977 gehen deutschlandweit tausende Frauen auf die Straße, fordern die Nacht zurück – ‚Reclaim the night‘.

Denn, wie las ich es die Tage so treffend: „Ich muss als Frau nicht beschützt werden. Mir reicht es völlig aus, nicht belästigt zu werden.“

Ich will nachts keine Angst haben müssen, wenn ich auf dem Heimweg Schritte hinter mir höre. Ich will in eine Bahn einsteigen können, ohne mir Gedanken machen zu müssen, ob genug andere Menschen mit mir im Abteil sitzen. Ich möchte nicht jeden aus Angst unter Generalverdacht stellen. Ich bin kein ängstlicher Mensch, ich sage, was ich denke. Und ich möchte so bleiben.

Dafür müssen wir Opfern zuhören. Sie ernst nehmen. Ihre Geschichten in den Mittelpunkt stellen. Ihnen die Scham nehmen. Zu oft sind nur die Täter im Fokus. Es ist doch so viel leichter, auf jemanden mit dem Finger zu zeigen. Leichter, als sich anzuhören, wie es dem Opfer ergangen ist und lange danach noch geht. Leichter als dem Opfer zu helfen, für dessen Rechte einzutreten, Grundlegendes zu ändern, ist es stattdessen kurzfristig zu agieren.

Sexismus und sexuelle Belästigung sind nicht neu, keine Erscheinung unserer Zeit. Sie sind Alltag. Und das schon seit ewigen Zeiten. Genau deshalb muss darüber gesprochen werden.

Wer Hilfe sucht: Die kostenlose, bundesweit geltende Hotline für Frauen, die Opfer jeglicher Art von Gewalt geworden sind, ist 08000 – 116 016.

Das wars – für 2015

Ein Jahr lang blogge ich mittlerweile wieder. Der Mann lacht immer noch, wenn er einen Text als erster zu sehen bekommt und ich frage, ob ich den veröffentlichen kann. Ob es überhaupt jemanden interessiert. Aber, das habe ich schon bei den ersten Texten gemerkt, das Schreiben tut vor allem mir gut. Es ist meine Art, Sachen die ich (besonders gern nachts) mit mir rumschleppe, los zu lassen.

Und dann war da noch euer Zuspruch, gerade auf Texte wie ‚Opa lässt Pollen schneien‘, ‚Fragt, so lange ihr fragen könnt‘, ‚Welcome‘ oder auch auf so bierernste Themen rund um den Fußball wie in ‚Menage à trois oder Gratulation‘. Danke dafür.

Und: Ich mach das jetzt einfach weiter so. Oder wie der Mann immer so schön sagt, wenn ich zweifel: „Muss doch keiner lesen, machen sie doch freiwillig.“

In dem Sinne ziehe ich jetzt noch mal eine persönliche Bilanz, wechsel die Interviewseite und beantworte das weitverbreitete Jahresrückblicks-Frage-Antwort-Spiel.

2015

1. Haare länger oder kürzer?
Länger. Bei meiner Friseurin haben sie so erbarmungsloses Licht, dass ich dann eher Farbe als Schere ans Haar lasse.

2. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Immer noch Brillen- und Kontaktlinsenfrei. Daher medizinisch: keine Ahnung. Menschlich übe ich mich im kurzsichtig sein. Also weniger Grübeln über das was-wäre-wenn auf lange Sicht, sondern leben jetzt.

3. Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Die plötzlich notwendige Küche.

4. Der hirnrissigste Plan?
Mal eben zwischendurch umziehen. Aber auch der beste in diesem Jahr.

5. Gefährlichste Unternehmung?
Ein paar Jungs zu einem Kindergeburtstag gebracht. Sich dabei mit einem Rosenstrauch, der neben dem Auto parkte, angelegt. Ging ins offene Auge. Wortwörtlich. Aber Glück gehabt.

6. Das berührendste Buch?
Suna von Pia Ziefle.

7. Der ergreifendste Film?
Star Wars. Einerseits gefühlt wie wieder 12, andererseits begeistert von gelungener Fortführung.

8. Liebstes Musikstück?

9. Schönstes Konzert?
Kein Konzert. Aber zum ersten Mal Stunksitzung (nach 18 Jahren verpasste Anläufe).

10. 2015 zum ersten Mal gemacht?
Menschen aus dem Internet in real getroffen, ganz viele auf einmal, beim #tkschland. Und in München gewesen und noch mehr Leute aus dem Internet kennengelernt. Toll.

11. 2015 nach langer Zeit mal wieder getan?
Umgezogen, neuen (Zweit-)Job angenommen.

12. 3 Dinge, auf die ich hätte verzichten können?
Streit jeglicher Art, dumme Menschen, Gewalt nah und fern.

13. Wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Loslassen.

14. Schönste Geschenk, dass ich jemandem gemacht habe?
Zeit.

15. Schönste Geschenk, dass mir jemand gemacht hat?
Monsterknuddler.
Ein Wochenende allein mit meinem Mann.

16. Schönste Satz, den mir jemand gesagt hat?
„Am Ende des Regenbogens ist ein Schatz. Das bist du.“
und
„Wir schaffen das zusammen.“

17. Schönste Satz, den ich jemandem gesagt habe?
„Wenn du sagst, wir schaffen das, dann glaube ich das.“

18. 2015 in einem Wort?
Ver-rückt.

So, und jetzt wird nach vorne geguckt. Willkommen 2016. 

Kommt gut rein.  Und macht das Beste aus dem neuen Jahr.

Frohes Neues Euch allen!

Kein Weihnachten ohne Schaf

Heute Nachmittag werden wir uns das Krippenspiel ansehen. Im dritten Jahr in Folge spielt der Jüngste mit. Für ihn war sofort klar, welche Rolle er übernehmen möchte. Eigentlich die einzige, die für ihn in Frage kommt. Wenn nicht diese, dann gar nicht. So waren weder wir, noch die Gemeindereferentin, die es auch schon als Tradition ansieht, überrascht, als er seinen Wunsch äußerte. Oder besser gesagt, als er ihm Nachdruck verlieh. „Ich bin wieder ein Schaf.“

Die Schafrolle mag für manchen nicht gerade die erstrebenswerteste sein. Für unseren Jüngsten ist sie die einzig wahre. Ohne Schaf kein Hirte. Und was wäre die Weihnachtsgeschichte ohne den Hirten-Teil. Was ihn an der Rolle fasziniert – ganz einfach:  „Ich muss nichts sagen, ich sitze vorne und hab den besten Platz, kann alles sehen.“ 

Es kann so einfach sein. Sich das Leben nicht schwerer als nötig machen. Es einfach genießen. 

Ich wünsche euch wunderschöne, besinnliche Weihnachtstage und Zeit und Ruhe, um sie ausgiebig zu genießen.

Rosa

Ins Glas geschaut

Es ist etwa zwei Wochen her. Der Große kam nach Hause, mit stolz geschwellter Brust. Seine Mannschaft hatte ein Spiel mit 6:0 gewonnen, 5 Tore davon hatte er geschossen. „Mama, kann ich ein paar Zettel haben. Für das schöne-Momente-Glas!“

In zwei Wochen ist das Jahr zu Ende. Zeit der Rückblicke. Im vergangenen Jahr bastelten wir erstmals unseren ganz eigenen. Die Idee stammt nicht von mir, ich habe sie letztes Jahr auf dem Blog Frische Brise von Carola gesehen und wusste, dass ist genau mein Ding, das brauche ich jetzt und hab es in abgewandelter Form nachgemacht.

2014 war für mich ein schwieriges Jahr. Mit Verlusten und unerwarteten Veränderungen. Und kurz vor Silvester stand für mich fest: Das Jahr war komplett mies, kann weg. Dann sah ich das Glas von Carola.

Ich setzte mich mit den Jungs zusammen und wir überlegten, was wir Monat für Monat so erlebt hatten. Alle schönen Momente des Jahres 2014 wollten wir sammeln. Es war unglaublich, was da alles zusammen kam – und woran sie sich erinnerten. Den Anblick der Giraffe im Safaripark, die den Kopf durchs Dachfenster in den Bus steckte. Der erste Stadionbesuch mit Papa. Die Arche, die sie im Kindergarten gebaut hatten. Das Stroh im Urlaub auf dem Bauernhof, das so toll an den Füßen kitzelte. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir eine Glasvase voller schöner Momente zusammen. Und auch mir fielen plötzlich viele wunderbare Augenblicke und Begegnungen ein. Man muss sich nur die Zeit nehmen, sich zu erinnern. Bewusst an die schönen Momente zu denken, gegebenenfalls ein wenig in sich zu suchen. Und dann stellt man staunend fest: Selbst ein eindeutiges Schrottjahr kann schöne, glänzende Seiten haben.

Am Silvesterabend haben wir die Zettel wie Lose aus dem Glas gezogen und uns gegenseitig vorgelesen. Die Jungs fanden es so toll, dass sie es Neujahr direkt wiederholen wollten.

Und jetzt war es der Große nach seinem tollen Fußballtag, der sich und uns erinnerte: Wir wollen uns auch an diesem Silvesterabend 2015 wieder lauter schöne Momente vorlesen. Uns erinnern, gemeinsam über Geschehenes lachen und auf das neue Jahr freuen. Der Große hat schon angefangen, Zettel zu schreiben. Ich werde mir dieses Wochenende mal Zeit nehmen, meine Erinnerungen aufzuschreiben und den Kleinen nach seinen zu fragen. Ich bin mir sicher, wir kriegen das Glas ganz schnell voll.

Mama und Papa gehen aus

Früher, also etwa im Jahr 2 v.K. (ich rechne hier in ‚vor‘ und ’nach Kindergeburt‘), da hatte ich ein klares Bild vor Augen. Sollte ich irgendwann mal Kinder haben, dann würde ich trotzdem regelmäßig mit dem Gatten ausgehen. Abends käme der/die Babysitter/in in die aufgeräumte Wohnung. Während ich noch kurz im Bad etwas Make-up auflege, stellt der Mann noch ein paar liebevoll drappierte Snacks bereit. Die Jungs sind natürlich schon im Schlafanzug und freuen sich unbändig auf ihren Besuch, bevor sie kurz darauf hundemüde einschlafen.

Nun leben wir im Jahr 8 n.K..
Hallo Realität.

Schon Wochen im voraus planen wir einen Termin. Schließlich gilt es Terminkalender von Mann, mir und Babysitterin zeitlich abzustimmen. Am Morgen des Ausgehtags steh ich eine halbe Stunde früher auf, alles muss genau durchgeplant werden. Die Zeit reicht zumindest, um nach dem Frühstück wenigstens alle Tassen und Müslischüsseln wegzuräumen, bevor wir alle aufbrechen. Nicht unbedingt alltäglich.

Der Große ist in der Schule, den Kleinen bringe ich noch in die Kita. Schnell noch was einkaufen, damit wir der Babysitterin zumindest was zu trinken und vielleicht ein paar Kekse anbieten können. Dann schnell zum Bahnhof.
Im Zug nutze ich die Zeit, dem Mann die Wegbeschreibung zum Date zu schicken, der Babysitterin die neue Hausnummer nach Umzug mitzuteilen. Dann muss ich zu einem beruflichen Termin und bin froh, dass es Kaffee gibt. Das eigene Frühstück hab ich vergessen. Für mich wirds jetzt was entspannter, ich bin im Arbeitsalltag.

Der Mann übernimmt. An meinem Arbeitstagen macht er mittags Schluss, jetzt ist Papazeit für die Jungs. Nicht ganz, es steht noch ein kurzer Absprachetermin in der Schule an (wer ist noch mal auf die bescheuerte Idee gekommen, dass wir uns ehrenamtlich als Elternvertreter engagieren?). Dann den Großen eingepackt und ab, den Kleinen holen, der heute mit einem Freund zum Spielen verabredet war. Und jetzt natürlich nicht nach Hause möchte.

Der Papa kommt ins Schwitzen, schließlich hätte er die Kinder zumindest gerne zuhause und satt, bevor die Babysitterin kommt. Irgendwie klappt es, aber die Jungs sind erstmal quer. Der Große behauptet eh seit Tagen, er könne nur einschlafen, wenn einer von uns zuhause sei. Und überhaupt, warum wir gleichzeitig ausgehen müssen, gibts denn keine anderen Freunde, mit denen wir allein ausgehen können. Und sie (die Jungs) würden uns ja eigentlich auch nie beide gleichzeitig allein zuhause lassen, meistens wäre doch nur einer von ihnen verabredet und einer bei uns. Die Argumentationskette ist zum Schmunzeln. Wenn man nicht gerade auf dem Sprung ist. Und als die Babysitterin kommt, verstecken sich die Jungs erstmal.

Als der Mann fährt, ist das Eis zwar schon gebrochen. Aber er ist k.o.. Ich bekomme im letzten Moment noch eine kleine Recherche auf den Tisch. Frisch machen in der Bürotoilette? Keine Zeit, die Veranstaltung beginnt pünktlich.

Und dann treffen sich Mann und Frau. Beide geschafft. Müde. Sofa wäre jetzt eigentlich ganz nett. Und ich frage mich nicht zum ersten Mal: Ist es das wert? Dieser zusätzliche Stress im Alltag, der doch oft anstrengend genug ist. Den Mann brauche ich nicht fragen, Ausfallen lassen steht für ihn nicht zur Diskussion.

Beim gemeinsamen Mädelabend erzähle ich also von meinen Bedenken. Lohnt sich das?

Die seit einem Jahr alleinerziehende Freundin fragt nur zurück: „Habt ihr euch – abseits von Organisationskram – noch was zu sagen? Habt ihr noch gemeinsame Interessen – abgesehen von den Kindern? Toll. Dann schaut, dass es so bleibt. Geht aus.“

Keiner hat gesagt, dass Eltern sein und Paar bleiben einfach oder stressfrei ist. Manchmal Meist ist es auch Arbeit.

Wir haben einen Abend lang gemeinsam gelacht, über Themen abseits von Kita und Schule diskutiert, den Stress irgendwann vergessen und waren nur das Paar, dass wir schon in der Zeit v.K. waren.

Der Abend war lang, der nächste Morgen beginnt müde. „Mama, es war so schön, kommt sie bald wieder?“, fragt der Große nach der Babysitterin.

Ja. Auf jeden Fall. Wir stimmen schon die Terminkalender ab.

Ihr Kinderlein kommet

Eigentlich haben wir ja nur Kinder wegen Weihnachten.

Nein, nicht was ihr alle jetzt denkt.

Aber wie das so ist bei den viel beschworenen und beschimpften so genannten Akademikerinnen und Akademikern: Wir hatten gar keinen Lebensplan. Oder gar Familienplan.

Nach dem Studium ging es erst einmal darum, einen Job zu finden. Mehr als eine Freiberuflichkeit mit Zeilengeld. Mehr als eine befristete Stelle. Und immer, wenn mich jemand fragte „Wie sieht es denn mit Kindern aus?“, habe ich das Gleiche geantwortet: „Frag mich in fünf Jahren noch mal.“

Aber Leben passiert halt einfach so. Zum Beispiel war ich plötzlich verheiratet, mit dem Mann, mit dem ich mir einig war, dass wir keinen Trauschein brauchen. Aber hin und wieder funkt das Leben eben dazwischen, wirft noch einen romantisch-melancholischen Moment ein und schwupps antwortet frau nicht nur „Bist du verrückt“ auf die Frage aller Fragen. Sondern schiebt noch ein „Ja“ hinterher.

Und so sind Mann und Frau plötzlich Mitte 30 und verheiratet. Wiedermal läuft ein befristeter Arbeitsvertrag aus. Die Erkenntnis, dass es richtige Sicherheit sowieso nicht gibt, sickert langsam ins Bewusstsein. Die Erkenntnis, dass es richtige und falsche Zeitpunkte sowieso nicht gibt, auch.

Und dann sagte der Mann den entscheidenden Satz. „Also, ich möchte ja mit 50 oder 60 nicht allein unterm Tannenbaum sitzen.“ Kurzes Nachrechnen hatte nämlich ergeben, wenn wir 50/60 sind, werden auch alle Leihneffen und -nichten zu alt sein, um mit uns feiern zu wollen.

Tja, mit Weihnachtswünschen läuft das so, wie ich es auch den Söhnen immer wieder erkläre: Ihr könnt euch alles wünschen. Was davon in Erfüllung geht, müsst ihr abwarten, das liegt nicht in eurer Hand. Wir haben dann einfach mal gewartet. Und gestaunt, was passierte.

Es gab in den vergangenen acht Jahren für uns tatsächlich Geschenke. Zwei Stück. Gut, nicht mit Schleife drum und auch nicht am Weihnachtsabend (gottseidank, K1 machte da ja verfrühte Anstalten, konnte sich aber noch zu drei weiteren Wochen überreden lassen). Aber die schönsten, die wir bekommen konnten. Und mit ihnen ist nicht nur Weihnachten, sondern auch der Advent viel schöner (nicht ruhig oder besinnlich, aber schön).

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Ich wünsche euch allen einen schönen, lauten, leisen, bunten, glitzrigen, kerzenbescheinten 1. Advent.

Living in a Box

4.30 Uhr. „Mama, kannst du mir mein Kuschelkissen geben?“ Nach fünf Minuten verschlafener Suche der leise Hinweis aus dem Hochbett: „Das habe ich eingepackt. In meinem Karton, ganz unten.“ Aaaaah. Glücklicherweise werden Mütter in Ausnahmesituationen als Ersatz-Kuschelkissen akzeptiert.
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Aber so ist das im Umzugsmodus. Das halbe Leben in Kartons, die andere Hälfte noch verstreut um einen herum. Ich habe jetzt einen vergessen geglaubten Ohrwurm: „We are living in a Box“. Wir packen ein, sortieren aus, entrümpeln, schmeißen weg (das bereitet mir am Umzug wahre Freude). Los lassen, weggeben. Das sollte man viel öfter machen. Und man findet.

Alte Liebesbriefe zum Beispiel. Aus Zeiten, bevor man sich per Handy „Brauchen noch Brot“ schickte. Alte Fotos – aus anderen Ländern, anderen Jahrzehnten. Und ich habe einen Brief von mir an mich wieder gefunden, gerade mal drei Jahre alt.

In der Mutter-Kind-Kur kam die Anregung von den Schwestern dort. „Schreiben Sie sich einen Brief, was wollen sie aus dieser Zeit mitnehmen, woran erinnert werden“, sagten sie. Den Brief lagerten sie zusammen mit vielen anderen und schickten ihn nach sechs Monaten ab.

Jetzt liegt er wieder hier. Und erinnert mich an vieles, was ich machen und beachten wollte. Manches funktioniert, manches ist wieder ein bisschen in Vergessenheit geraten oder im Alltag untergegangen. Ein Hinweis von mir an mich kam gerade zum Umzug passend:

„Ich muss nicht alles allein schaffen. Nimm angebotene Hilfe an und frag gegebenenfalls darum.“ Klingt leicht, ist aber alles andere als das für jemanden, der meint, immer alles alleine schaffen und regeln zu können.

Wir leben seit nun fast 11 Jahren in unserer Stadt, in die uns unsere Jobs damals brachten. Wir fühlen uns hier wohl, in unserem Viertel, zwischen Rhein und Siebengebirge. Zwischen „Dorf“ und gut erreichbarer Großstadt. Und wir haben hier mittlerweile eine Infrastruktur, die vieles erleichtert.

Bringst-du-hol ich, ist so ein Fall. Sich mit Eltern absprechen, sich gegenseitig den Alltag erleichtern. Gerade jetzt in unserer Umzugsphase wird mir wieder deutlich, wie wertvoll das ist. Und notwendig.

„Wenn ihr Hilfe braucht, sagt Bescheid. Wir holen die Kinder.“ Den Satz habe ich von meiner Schwester gehört, die mal eben 1,5 Stunden Hin-und Rückfahrt auf sich nimmt, um die Kinder zu beschäftigen, während wir packen, putzen, püngeln. Die Schwiegereltern legen Termine so, dass sie ebenfalls ‚mal eben‘ aus 80 Kilometer Entfernung vorbei kommen, um mit dem Großen zum Fußball oder dem Kleinen zum Sankt Martinszug zu gehen. Und aus Kita und Schule haben mich gleich mehrere angesprochen: „Ruf an, wir nehmen die Jungs. Wir sagen das nicht nur, wir meinen es auch so.“

Und was soll ich sagen… es tut überhaupt nicht weh. Im Gegenteil, es fühlt sich gut an, auf andere zurückgreifen zu können. Sich zu überwinden, anzurufen und zu fragen: Kann der Kleine zum Spielen kommen, während wir hier hämmern und schrauben? Zu wissen, dass man nicht auf die Uhr schauen muss, weil jemand anderes die Kinder beim Sport abholt. Und das jemand vor der Tür stehen wird, der beim Tragen der Kartons hilft.

Ich bin begeistert, wie viel Hilfe wir bekommen. Und sehr, sehr, sehr dankbar.

D A N K E !

Nach dem Umzug schreibe ich den nächsten Brief an mich. Zur Erinnerung an all‘ die Unterstützung. Daran, dass es ganz leicht ist, sie anzunehmen. Und daran, dass ich – wenn nicht unbedingt nötig – vorerst nicht mehr umziehen möchte 😉 .

In diesem Sinne: Schreibt mal wieder! Muss ja kein Brief sein, geht auch per Email.

P.S.: Gesendet aus einem Umzugskarton.

Blickwechsel – oder: Einmal kuscheln mit einem Ewok

Klein, grün und alles andere als kuschelig. Ich stehe im Spielzeugladen vor dem Plüsch-Yoda und denke dran, wie der Jüngste sich freuen würde. Und dass dieses Ding eigentlich häßlich ist, oder als Kuscheltier doch zumindest irgendwie gruselig.

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Und dann sehe ich ihn. Klein, braun und haarig. Mein 30 Jahre alter Traum, der wahr geworden ist. Ein Ewok zum Kuscheln. Die meisten fanden die kleinen Star-Wars-Bären damals ziemlich hässlich. Doch ich träumte von einem Ewok, als an Filmfiguren als Marketingartikel nicht mal zu denken war. Meine Freundin verliebte sich in Luke Skywalker, wie ganz viele andere Mädchen auch. Mir gefiel Han Solo besser, ich hatte aber kein Interesse an der Rolle von Prinzessin Leia. Ich wäre gern als Rebellin ins Ewok-Dorf gezogen, um es gegen das Böse zu verteidigen.

Ich steh also an der Kasse und bezahle das kleine, grüne Ding. Von dem der Jüngste träumt. Es ist überhaupt nicht häßlich. Oder gruselig. Für den Jüngsten ist Yoda weise, lieb und er verteidigt das Gute. Er ist liebenswert – und mit wem, wenn nicht mit ihm, sollte man kuscheliger und beschützter einschlafen?

Das gehört zu den schönsten Dingen, die mir die Jungs ermöglichen. Sich erinnern an den anderen Blick. Manchmal hilft es, in die Hocke zu gehen. Manchmal ist es das Stehen bleiben, weil noch eine Knallerbse am Busch hängt, die laut zertreten werden muss. Manchmal der Besuch eines Spielzeugladens.

Und dann erwische ich mich, wie ich ohne Kinderbegleitung plötzlich mit einem Marienkäfer spreche, der sich ins Büro verirrt hat und den ich mal kurz retten muss. Oder im Park durch einen Laubhaufen hüpfe. So sollte das doch eigentlich viel öfter sein.

Möge der Schlaf mit dir sein, großer Kleiner.