Von dieser Welt und unseren Kindern

Der Wecker zeigt 1.27 Uhr. Ich weiß nicht, wovon ich wach geworden bin, aber ich kann nicht mehr einschlafen. Ich lese mein Buch zu Ende. Dann kurz der Gedanke, ich war ja heute berufsbedingt kaum online, einfach mal kurz nachschauen, was bei Facebook und Twitter so los ist. Ich lese von hunderten Menschen, die im Mittelmeer ertrunken sind. Von einem Anschlag in Nizza.

Ich schaue auf meinen Großen, der im Moment viel Nähe und Sicherheit braucht, deshalb nachts gerne neben mir schläft. Ich höre den Kleinen rufen: „Mama, Hand halten.“ Er spürt sie nur, dann träumt er schon wieder tief und fest.

Da ist er wieder der Gedanke, den ich in den vergangenen Monaten oft bei anderen gelesen habe, den ich aber auch kenne: In was für eine Welt setzen wir eigentlich unsere Kinder? Oder aus dem Blickwinkel Jüngerer sogar: Kann man heute noch einfach so Kinder in diese Welt setzen?

Als Teenie stellte ich mir diese Frage erstmals. Politik interessierte mich schon immer, war in meinem Elternhaus fester Bestandteil unserer Gespräche. Und Diskussionen. Es herrschte der Kalte Krieg, es ging immer um eine atomare Bedrohung. Umwelt war ein weiteres Thema. Als ich Kind war, galt der Rhein als tot. Die Bilder von toten Fischen, die ans Ufer geschwemmt wurden, habe ich noch vor Augen. Der Regen, der vom Himmel fiel, war sauer, der Wald starb. Kinder in diese Welt setzen?

Meine älteren Geschwister erlebten als Teenies eine ganz andere Phase. Die Nachrichten berichteten über Entführungen, Anschläge, die RAF. An den weiterführenden Schulen gab es große Drogenprobleme. Kinder in diese Welt setzen?

Und dann frage ich mich, ob meine Großmutter sich diese Frage gestellt hat. Sie, die im eigenen Land nicht mehr gern gesehen war, weil sie sich in einen jungen Mann verliebt hatte, der auf der Burg, in der sie aufwuchs, einquartiert wurde. Die Belgierin und der Deutsche, Erster Weltkrieg. Sie entschied sich für die Liebe, auch wenn sie in Deutschland die Fremde, die Belgierin blieb. Sie entschied sich für Kinder, denen sie Offenheit und Toleranz vermitteln wollte. Für Länder, Religionen, vor allem für Menschen.

Es brach ihr das Herz, erzählten meine Mutter und meine Tante immer wieder, als ihr Ältester in einen Krieg ziehen musste, den sie nicht wollte. Jeder seiner Briefe voller Angst und Heimweh bedrückte sie, die Nachricht von seinem Tod machte sie krank. Sie zählte die Tage, bis der zweite Sohn aus der Gefangenschaft zurückkehrte. „Sie hat ihn im Schlaf nach Hause gerufen“, erinnert sich meine Mutter noch heute. Sie ließ ihre Jüngste zur vermeintlichen Sicherheit per Landverschickung gen Osten reisen. Als der Brief des kinderlosen Paares kam, es ginge der Tochter bei ihnen gut, man wolle sie behalten,  reiste sie sofort los, schmuggelte ihr eigenes Kind ohne Papiere nach Hause.

Ich habe meine Oma nicht kennengelernt, denn sie hatte neben all dem nicht mehr die Kraft für sich zu kämpfen, starb als meine Mutter ein Teenie war.

Ihre Kinder sind immer ihr Ein und Alles gewesen. Sie hat sie in einer grausamen Zeit groß gezogen. Aber im festen Glauben und mit der Hoffnung, dass die Welt nur mit Kindern besser werden kann. 

Wir leben heute seit mehr als 70 Jahren in Frieden. Wir leben in einem Europa, von dem meine Großeltern nicht einmal träumen konnten. Wir haben ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen im Kühlschrank. Wir können reisen, lernen, lieben …

Nein, es ist natürlich nicht alles gut. Es gibt viele Baustellen, an denen dringend etwas getan werden muss. Wir müssen wachsam sein, das rechte Parolen und Hetze nicht weiter wachsen. Wir müssen für die Dinge, die uns wichtig sind, einstehen. Wir müssen aufpassen, dass uns Anschläge und Terror nicht ängstlich in die Ecke drängen, denn das sollen sie schließlich bewirken. Und das müssen wir unseren Kindern vermitteln. Sie stark machen, ihnen Werte vermitteln, ein Miteinander vorleben. Für ihre Zukunft. Und unsere Hoffnung.

Melancholie

Nur noch wenige Wochen, dann sind Ferien. Ferien, das heißt frei haben, keine Verpflichtungen, verreisen, Füße in die Nordsee tauchen, in den Tag hinein spielen, lesen, sich auch mal langweilen. Durchatmen, bevor etwas Neues startet. „Nach den Ferien bin ich ein Vorschulkind“, verkündest du, der Kleine, mir stolz. „Ja, und dann wirst du im Herbst schon 6 Jahre alt“, füge ich mit einem Seufzen hinzu. Der Kleine. Vorschule. Schule. 6 Jahre.

Du hast daraufhin die Monate an deinen Fingern abgezählt. Nur zwei Monate nach Ferienende ist dein Geburtstag. Und voller Vorfreude hast du begonnen, deinen ersten Wunschzettel zu schreiben.


Bisher hast du sie gemalt oder geklebt. Du wirst groß, mein Kleiner. Das ist toll zu sehen. Und dennoch ist es da, dieses Gefühl von „jetzt schon?“, ein Hauch von Melancholie.

Es wird dir gehen wie mir, das ist das Los der Jüngsten. Während ich leise denke, aber du bist doch mein Kleiner, wirst du die Welt schnell erobern wollen, immer versuchen, mit dem großen Bruder Schritt zu halten, dir alles von ihm abschauen. Das ist eben so, wir Jüngsten wollen nicht hinten anstehen, entwickeln Ehrgeiz, um eben auch an das Regal zu kommen, auf dem die Großen spannende Sachen sichern, um eben auch schnell laufen zu können, um nicht allein im Sandkasten sitzen bleiben zu müssen. Um eben auch bis in die Baumspitze klettern zu können und den tollen Ausblick zu haben, um eben auch lesen und schreiben zu können und so geheime Botschaften zu versenden.

Ich hingegen hätte dich schon als Baby gern noch ein bisschen länger ‚klein‘ gehabt. Noch einmal genießen, alles ganz genau aufnehmen, für mich festhalten. Es war irgendwie klar, du wirst immer der Kleine in diesem Hause sein.

Dabei vermisse ich sie eigentlich nicht, die Baby-Zeit. Das Windelwechseln, Stillen, Tragen. Es war wunderschön und manchmal sehr anstrengend. Aber das haben wir hinter uns, das ist gut so. Deine neue Selbstständigkeit finde ich toll. Dieses allein machen – und es auch können – bedeutet auch wieder neue, schöne Freiräume für uns Eltern. Es ist so spannend zu sehen, wie du dir Sachen erschließt, wie du plötzlich redest und argumentierst. „Er verlässt jetzt die magische Phase, sucht für alles Erklärungen, lässt sich nichts mehr vormachen“, so beschreibt es deine Erzieherin. Es ist klar, du bist kein Kleinkind mehr.

Vielleicht ist es weniger das Vermissen des Vergangenen, als das Wissen, dass die Entwicklung weiter so schnell vorangehen wird. Das wird einem in einzelnen Momenten, zum Beispiel wenn man den Wunschzettel für den 6. Geburtstag liest, klar.

Von mehreren Seiten wurden wir gefragt, ob du nicht vorzeitig eingeschult werden würdest. Du seist schließlich so aufgeweckt, liest jetzt sogar schon, rechnest. Und während dein Vater immer ganz klar wusste, nein, du brauchst noch Zeit zum Spielen, habe ich mich immer gefragt, ob du das eine Jahr noch brauchst oder dich vielleicht doch langweilen wirst (oder ich dich kleiner mache). Um dann festzustellen: ich kann mich auf mein (und deines Vaters) Bauchgefühl verlassen, und darauf, dass du ziemlich genau weißt, was du willst.

Natürlich kannst du schon vieles, aber du willst eben nicht nur der Große sein. Du brauchst noch mehr Spielzeit, weniger Struktur und Druck als es eben Schulkinder haben. Du freust dich jetzt darauf, ein Vorschulkind zu werden, mit allen Priviligien und Pflichten. Aber ohne gleich die großen Verpflichtungen, die Schule bedeuten.

Das wird eine schöne Zeit, eine Zeit, die du als der Große in der Kita genießen wirst. Einerseits Sachen dürfen, die die Kleinen noch nicht können. Andererseits sehen, dass du auch für sie mit da sein, ihnen helfen musst, weil du in diesem einen Jahr endlich mal der Große, das Vorbild, sein wirst.

Es werden einige letzte Male und auch Abschiede anstehen. Und dann wird es auch wieder durchkommen, dieses „jetzt schon“-Gefühl, dieser Hauch von Melancholie. Ich werde mich riesig mit dir über jeden weiteren Schritt freuen, auch wenn ich mir dabei vielleicht hin und wieder mal verstohlen eine Träne wegwische. Klar, bist du ein Großer, mein Kleiner. Das ist gut so, und ich begleite dich – wie deinen Bruder – mit großem Stolz dabei.

Aber vorher machen wir noch ganz alberne, magische, verrückte Ferien. Denn groß werden heißt ja gottseidank nicht, keinen Quatsch mehr zu machen. Zumindest in dieser Familie.

Fantastisch

Wir haben diese Woche den Zahn eines Säbelzahntigers gefunden. Also, weniger ich, vielmehr der jüngste Sohn. Ich hätte es ja einfach für ein dreieckiges Stück Holz gehalten, aber der Sohn hat gleich auf den ersten Blick erkannt, was es ist. Ein Säbelzahntigerzahn. Lag einfach so am Ende der Straße.

Naja, das ist so auch nicht richtig. Es hatte wahrscheinlich einen guten Grund, dass er eben dort lag. Denn nur eine Straßenkreuzung und wenige Schritte weiter ist eine Tierarztpraxis. Und höchstwahrscheinlich quälte ein heftiger Zahnschmerz den Säbelzahntiger und er war auf dem Weg zum Tierarzt. Als er also auf dem Weg dorthin vor lauter Schmerz in den Baum am Straßenrand beißen wollte, fiel der Zahn aus. So lag er dann vor unseren Füßen. Und der jüngste Sohn war von den zahlreichen Fußgängern der erste, der den besonderen Wert des Stückes erkannte.

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Ein Schloss für mich, ein auftauendes Urzeitmonster am Strand, Frühstücksgesicht, neueste Mode und die Gummibärchenstraße.

So geht das hier ständig. Kein Tag, an dem die Jungs nicht irgendwas entdecken, erforschen, erfinden.

Mir war zum Beispiel nie bewusst, dass wir von allen Seiten beobachtet werden. Nein, ich meine jetzt keine Videoüberwachung. Aber wenn man sich genau umschaut, oder von Kindern darauf hingewiesen wird, dann sieht man sie überall. Die Gesichter, die einen anschauen. In dem Lautsprecher im Schaufenster, auf dem Joghurtdeckel, im Kakao.

Überhaupt gibt es so viel zu entdecken, wenn man die Augen geöffnet bekommt. Auf unserem Weg zur Kita müssen wir zum Beispiel immer über die Gummibärchenstraße. Ich kann gar nichts anderes mehr in den Steinen sehen. Wusstet ihr, wie viele Steine eine weiße Schnittstelle haben? Wenn man die alle aneinanderlegt, sieht man, die gehören irgendwie zusammen. Und wer denkt, eine leere Klopapierrolle sei nur ein Stück Pappe…dem fehlt einfach Fantasie. Oder Kinder mit eben dieser. Denn eine Klopapierrolle, dass kann eine Murmelbahn sein, ein Fernrohr. Oder gar ein Schloss für Mama.

Ich finde es großartig. Im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch. Es macht so viel Spaß, die Welt mit Fantasie zu entdecken, sie sich bunt zu reden, Abenteuer zu bestehen. Manchmal liegen wir abends im Bett, und statt etwas vorzulesen, erfinden wir Geschichten. Von kleinen Gnomen, wilden Tieren, mutigen Kindern. „Ich will gar nicht erwachsen werden“, sagt der Jüngste dann manchmal.

Musst du auch gar nicht, kleiner Fantast. Manchmal geht mir euer Groß werden eh viel zu schnell. Und dann irgendwann setzt diese Vernunft ein, die alles zu erklären versucht. Und einen im schlimmsten Fall blind macht für das Lustige, Schöne, Bunte.

Muss sie aber gar nicht. Ich wünsche mir für euch, meine beiden Fantasievögel, dass ihr immer ein bisschen kindisch, verspielt, verrückt bleibt. Und eure Fantasie nicht verliert Und dass ihr mir immer wieder helft, meine wach zu kitzeln, wenn sie einzuschlafen droht.

Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss raus in den Regen. Schauen, wie er die olympischen Ringe in die Pfützen tropft…

Mein Treppenwitz

Es gibt so Tage, da fällt einem jeder Schritt schwer. Aufstehen, obwohl es draußen doch so kalt ist. In die Bahn steigen, obwohl sie so voll ist, dass man vielen Menschen viel näher kommt als man möchte. Termine auf dem Kalender sehen, die einem Magengrummeln verursachen. Tage, an denen sich die Stufen zum Büro im 2. Stock ziehen, als sei es der 8.

Dann ist er verlockend, der Aufzug. Einfach einsteigen, nix machen müssen, gegebenenfalls einfach weiterfahren. Je nach Modell und Alter höchstens ein flaues Gefühl im Magen, dass er stecken bleiben könnte.

Ich gehe lieber zu Fuß. Bis zum dritten Stock, so meine Regel, immer zu Fuß. Danach darf bei Gelegenheit die Tagesform entscheiden.

An solchen Tagen, an denen Treppen so endlos wirken, erinnere ich mich immer an meine Zeit in New York.

Mein Lieblingsgebäude dort ist das Empire State Building, aus verschiedenen Gründen. Einer aber ist: Es war mein Orientierungspunkt. Ich wohnte in der gleichen Straße, morgens ging mein erster Blick aus dem Fenster immer zum Empire State. Stieg ich irgendwo in Manhattan aus der Metro, wusste ich dank des ESB immer, wo welche Himmelsrichtung ist.

Und dann fand dort noch dieser alljährliche Treppenlauf statt. Als ich dort war, 2002, zum 25. Mal. Eine Geschichte über die Läufer sollte ich schreiben. Ältester, jüngster, mit der weitesten Anreise… Und dann boten die Organisatoren mir im Rahmen der Recherche einen der Laufplätze an. Das Gebäude von einer Innenseite sehen, die für Besucher sonst geschlossen ist. Das wollte ich machen und nahm die Einladung (und Gelegenheit zu einer Reportage) sofort an.

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Mein Zimmer in Manhattan lag im achten Stock. Mir blieben nur zwei Wochen Vorbereitung, also lief ich von da an die acht Stockwerke – immer. Also erst schlich ich sie, dann wurde daraus ein kräftiges Gehen, am Ende lief ich sie.

Der Treppenlauf geht über 1576 Stufen, 320 Meter hoch und endet nicht ganz oben, sondern im 86. Stockwerk. Das würde ich nicht schaffen, da war ich realistisch genug. Aber zumindest die acht Stockwerke, die ich jetzt täglich trainierte, sollten es werden. Ich wollte wissen, wie sich so ein Lauf anfühlt.

Nunja, erstmal kribbelig im Bauch. Ich traf u.a. Chico Scimone, der 90-jährig die Teppen zum x-ten Male hoch huschte. Und Menschen, die das ganze Jahr darauf trainiert hatten, hier hoch zu laufen.

Startschuss. Die ersten Stockwerke gingen super. Dann endlich das achte Stockwerk und ich dachte, okay, das reicht. Hier breche ich ab, nehme den Aufzug, um oben die Gewinner zu interviewen.

Pustekuchen. Die Tür des Treppenhauses war verschlossen. „No Exit“, rief mir ein Mitläufer zu. Die Türen sind nur in jedem siebten Stockwerk offen, erklärte er noch weiter. Ich holte tief Luft…und rannte weiter. Okay, dann eben 14 Etagen, fordere ich meine Beine eben heraus, dachte ich.

Ich gebe zu, ich bin eitel. Zumindest in dem Maße, dass ich nicht japsend, mit rotem Kopf, vor laufender Kamera eines amerikanischen Fernsehteams aufgebe. Denn genau das stand in der Tür der 14. Etage. Interviewte vorbeigehende Läufer und feuerte an. „I’m fine“ bekam ich irgendwie raus, dazu ein verzerrtes Lächeln. Wissend, dass ich die nächste offene Tür erst in sieben Etagen erreichen würde. Ich nahm all meine Kraft zusammen und lief. Äh, ging. Vielleicht schlich ich auch. Und hin und wieder holte ich sehr tief Luft. Bis zu diesem Schild, dass mir ein echtes Lächeln entlockte.

21.
EXIT

Ich weiß nicht mehr, wie ich in den Aufzug kam. Aber ich erinnere mich daran, dort mit sehr wackeligen Beinen gestanden zu haben. Lächelnd. Triumphierend. Ich war gerade 21 Stockwerke gelaufen. Persönliche Bestleistung.

Stehe ich jetzt also morgens manchmal vor endlosen wirkenden Treppen, dann denke ich an Stock 8 und 14 und 21. Und sage mir: „Hey, das hier ist Alltag. 2 Stockwerke, das ist ein Klacks.“ Und dann geht es schon wieder für den Rest des Tages.

12 von 12

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Der große Sohn ist krank und darf heute nicht in die Schule. Das heißt, ich darf kann dann nicht zu meinem Nebenjob, der für heute geplant war. Also habe ich plötzlich mal wieder Zeit für 12 von 12 nach der Idee von Caro vom Blog Draußen nur Kännchen, dort gibt es auch die 12von12 von vielen anderen zu sehen.

Ohne Schulbeginn im Nacken beginnt so ein Morgen ja viel später, und irgendwie entspannter. So entspannt, dass ich keine Fotos mache. Aber nachdem der Jüngste in der Kita ist, gönne ich mir einen Kaffee in meinem neuen Lieblingszimmer: auf der kleinen Dachterrasse.
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Der Große kruscht so in seinem Zimmer rum und ich nutze den unerwarteten freien Vormittag für ein bisschen Hausarbeit.  Dann gehen wir zur Bilbliothek, um Bücher zurückzugeben. Klappt nie. Also das nur zurückgeben. Da wir aber noch einiges Ungelesenes zuhause haben, einigen wir uns auf einen Comic, eine DVD ( Es war einmal… lief schon bei mir damals im TV und die Jungs lieben die Reihe, vor allem das Thema Geschichte ❤). Außerdem noch eine CD mit Gedichten für Kinder. Wir haben Oliver Steller vor etwa zwei Jahren erstmals live gesehen, seitdem lieben die Jungs 1. Oliver Steller und 2. Gedichte. Aktuell Brechts Fisch namens Fasch.
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In der Bücherei meldet sich der Magen und das gesundende Kind wünscht sich rote Linsensuppe mit Würstchen.
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Während ich koche, beschäftigt ihn die Frage, wie sich Schnecken vermehren. Ja, äh…Er erinnert sich an das Beobachtungsaquarium, von dem Freunde mal erzählten, und geht sofort in den Garten, um ruckzuck 11 Schnecken zu sammeln. Leider haben wir zufällig kein altes Aquarium im Keller und das Gurkenglas ist definitiv zu klein. Okay, wir Eltern wollen weniger Süßes essen, deshalb diente die Bonbonniere zuletzt als Blumengefäß.
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Jetzt also als Schneckenheim mit einem Nylonstrumpf drüber, damit die 4 Schnecken, auf die wir uns geeinigt haben, für den Zeitraum der Beobachtung auch dort bleiben. Und sie werden liebevolle versorgt, z.B. mit Wasser besprüht und zum Essen gibt ed Apfelkitschen.
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Ach ja, im Fahrradladen waren wir auch noch.  Der Jüngste möchte nämlich eigentlich schon länger gerne Radfahren, hat aber sehr viel Respekt davor. Wir kaufen also Stützräder, weil ihm das vielleicht ein bisschen Sicherheit gibt. Kein leichtes Unterfangen, denn Stützräder werden heute kaum noch nachgefragt. Es werden doch noch passende gefunden,
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schnell dran gemacht und ab zur Kita. Mit einem großen Maß Skepsis steigt der junge Mann auf, radelt vorsichtig los, entdeckt nach wenigen Metern, wie viel Spaß es macht, Rad zu fahren, wenn man keine Angst hat. Und er wird schnell flott, ziemlich flott. Das bedeutet, ich kann in den nächsten Tagen zur Kita joggen. Yeah.
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Nach einem Abstecher zum Spielplatz und in die Sonne geht’s zum Turnen. Für Bilder haben wir keine Zeit, nur die coole Flasche, die im dunkeln leuchtet, kann ich noch festhalten.
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Zuhause gibt’s dann die letzten drei Gummibärchen, ehrlich geteilt, ich kriege die gelbe Karte.
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Dann folgt das Abendprogramm mit Zähne putzen und Co. Und natürlich vorlesen, da gibt’s hier kein drumherum. Aktuell sorgt hier Wölfchen Wolf für schaurig-schöne Stimmung.
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Und dann naht der Feierabend. Und mein aktueller Lesestoff: Pia Ziefles ‚Länger als sonst ist nicht für immer‘.
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Hach, schöner Tag. Schöner Abschluss.

Gute Nacht.

Geschwisterliebe

Er sitzt in seinem Zimmer und packt. Der Stein mit dem FC Bayern-Logo kommt in den Rucksack, was zum Lesen, der Lieblingspulli. Und das Foto, auf dem er mit seinem kleinen Bruder ist. Der Große möchte ausziehen.

Draußen regnet es. Mit dem Bruder hat er sich jetzt den halben Vormittag um Legosteine, die richtige CD, einfach alles gestritten. Und dann hab ich auch noch geschimpft. Richtig doll und laut. Jetzt reichts.

Nein, mit mir in Ruhe sprechen möchte er nicht, das er hat er schon vor dem Schimpfen durch lautes Türknallen demonstriert, daran hat sich nichts geändert. Die Mutter von Freund X schimpft nie, man darf dort im ganzen Haus mit harten Fußbällen spielen und elektronische Geräte seien immer an, bei ihnen möchte er jetzt wohnen.

Ich kenne die impulsive Seite des jungen Mannes mittlerweile genausogut wie er die Punkte, mit denen er mich innerhalb kürzester Zeit auf die Palme bringen kann. Ich weiß, er braucht jetzt die Ruhe des Taschepackens. Das Gesprächsangebot steht, wir atmen jetzt beide mal durch.

Was ich bisher nicht kannte, ist die Reaktion des kleinen Bruders. Alle Streitereien sind vergessen, er holt seinen Schlafanzug aus dem Schrank, den Kuschelbär aus dem Bett und sucht seinen Rucksack.

  

„Was machst du, Jüngster?“ „Ich ziehe mit ihm aus.“ Ich muss ganz schön schlucken, und die Tränen, die ich im Streit mit dem Großen runtergedrückt habe, kommen wieder hoch. „Ich lasse ihn nicht allein gehen, Mama. Aber ich gucke, dass wir hier in die Nähe ziehen, damit ich immer zu dir kann.“

Jetzt heule ich endgültig. Nicht wegen des impulsiven Auszugswunsches. Viel mehr, weil die beiden mir hier gerade zeigen, was ich mir immer gewünscht habe. Es war immer klar, wenn es klappen würde, dann wollen wir zwei Kinder. Der Mann, das Einzelkind, und ich, das Nesthäkchen aus kinderreicher Familie, wir wollten Geschwister-Kinder. Bruder oder Schwester, mit denen man spielen, auf Bäume klettern und im übertragenen Sinn Pferde stehlen kann. Die in Momenten da sind, wenn Eltern nicht die richtigen Ansprechpartner sind. Die eben zueinander stehen, füreinander da sind.

Wir wussten, es gibt keine Garantie, dass Geschwister so werden. Eifersucht ist immer wieder mal ein Thema. Und wir erleben täglich, dass kleine sowie große Brüder ‚total doof‘ sein können. Dass sie alles nachmachen, kaputt machen, einem das Spielzeug wegnehmen, schubsen, raufen, sich Schimpfworte an den Kopf schmeißen, dass sie irgendwas noch nicht richtig können, dass sie irgendwas einfach immer besser können. Kurzum: Brüder, ja Geschwister allgemein, können unheimlich nerven.

Aber wir erleben in unserem Alltag auch, dass der eine ungeduldig auf den anderen wartet, weil der noch bei einem Freund ist. Dass, wenn der eine sich beim Kinderarzt einen Ballon aussuchen darf, er fragt: Kann ich auch einen für meinen Bruder? Dass sie mit einer Engelsgeduld zusammen spielen können, der eine dem anderen immer die passenden Legosteine reicht. Wir sehen, wie der Kleine vom Großen das Alphabet lernt, wie der Große dem Kleinen vorliest. Wie der eine den anderen unterstützt, wenn sie nach ganz oben auf einen Baum wollen. Wir sehen, wie sie freudestrahlend zusammen die Riesenrutsche hinuntersausen und sich bei der Autofahrt über ihre Witze gemeinsam kaputt lachen.

Und dann stehen sie da und packen ihren Rucksack, um gemeinsam auszuziehen, obwohl es eben noch den Anschein hatte, dass sie sich an die Gurgel wollen. Sie stehen zueinander, wollen aufeinander aufpassen, gehören eben zusammen.

Der Kleine ist fertig mit Packen. „Geht’s los?“ fragt er den Großen. Der schaut kurz aus dem Fenster. Es regnet immer noch, der Freund ist verreist und außerdem müsste er sich dafür jetzt den Schlafanzug ausziehen. „Ich will eigentlich gar nicht von hier weg. Ich fand nur das Ausschimpfen doof“, sagt er. „Dann ist ja gut“, sagt der Kleine und packt in aller Seelenruhe wieder aus. „Können wir jetzt Kekse essen?“

Ups – oder warum wir nicht auf andere schielen müssen

Alles fing mit dem Paketdienst auf der Straße an. „Mama, was bedeutet eigentlich Ups?“, fragt der Jüngste. „Ups? Wie kommst du jetzt darauf?“ „Das steht da auf dem Lieferwagen.“ „Hast du das gelesen?“, frage ich irritiert und schaue wohl auch genauso. Seitdem ist der Fünfjährige nicht mehr zu halten. „Da steht Ufo, was sind A-li-e-ns, wieso heißt es Zo-o, Ba-um-ha-us, ach Baumhaus.“ So geht es in einer Tour. Und ich finde es toll. Klar, er kommt erst nächstes Jahr in die Schule und bis dahin wird er wahrscheinlich ganze Texte lesen können, aber ich finde es toll. Und bin stolz auf ihn. Was ihn wiederum anspornt, noch mehr zu lesen. „Wenn wir einkaufen gehen, kann ich alles auf der Straße lesen. Das ist sooo toll, Mama.“

Ich kann dieses Gefühl gut nachvollziehen. Meine älteste Schwester hat mich von klein an mit in die Bücherei genommen. Die Bücher plötzlich selber, allein lesen zu können, fand ich großartig. Plötzlich die Welt mit anderen Augen sehen lesen, etwas können, was meine großen Geschwister ganz selbstverständlich schon immer taten (schließlich sind sie 9 bis 14 Jahre älter als ich) – gigantisch. Und ich begann Bücher zu verschlingen.

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Beim Abendessen erzählt der kleine dann dem großen Bruder, dass er lesen kann, erzählt vom Paketwagen. Ich sehe den kurzen Augenblick des Erschreckens im Gesicht des Großen. Dann das nachgeschobene „hab ich dir wahrscheinlich mal vorgelesen“. Jetzt hat er den Kleinen beim Ehrgeiz gepackt und der liest, was er auf dem Tisch finden kann. „Bio, Fett, Go-u-da, Apfel…“. Der Große schluckt und sagt toll. Aber ich merke schon, es brodelt was in ihm.

„Er wird jetzt doch erst ein Vorschulkind. Wieso kann er schon lesen?“ Beim ins Bett gehen kommt es raus, darauf habe ich gewartet. Er ist doch der Große, der dem Kleinen die Welt zeigt. Mit ihm Schule spielt, ihm Rechenaufgaben stellt, aber auch immer wieder betont, was der Jüngere noch nicht so kann. So gut zeichnen wie er. Rechenaufgaben nur bis 10 lösen. Und dann kommt dieser Kleine an und kann ausgerechnet Lesen. Das, was ihm unerwarteter Weise zu Schulbeginn am schwersten gefallen ist. Er hatte gedacht, die Buchstaben, das würde ihm zufliegen, wie die Matheaufgaben. Taten sie aber nicht. Er konnte sie alle, aber es brauchte gut ein halbes Jahr, einiges Üben und auch einige Wuttränen über das eigene Unvermögen des jungen Perfektionisten, bis es ‚Klick‘ machte, bis aus Buchstaben Wörter wurden. Ein toller Moment, an die Freude in seinem Gesicht damals kann ich mich immer noch genau erinnern. Und der Kleine kann das jetzt einfach so, ohne Üben, noch vor der Schule?

Er sagt dem Kleinen nichts darüber, bestärkt seinen Bruder. Aber an seinem Verhalten merkt man, es nagt in ihm. Er trödelt mehr, ist launiger, lässt in der Schule den Klassenclown raus. Da ist sie wieder, die doofe Eifersucht.

Und plötzlich zählt nicht mehr, was er alles kann. Super Rechnen. Tolle Kunstwerke malen. Überhaupt fliegt ihm alles Kreative zu. Er ist superschnell auf dem Fußballplatz, schießt Tore, hat Ausdauer. Er experimentiert liebend gern, ist neugierig und wissbegierig. Aber der kleine Bruder kann schon lesen.

Jeder kann etwas besonders gut, nicht alle können alles. Das ist mein derzeitiges Mantra. Ich erzähle ihm von meinen Geschwistern und mir, die Kompetenzen waren hier immer schon klar verteilt. Die Älteste ist der Kreativkopf, voller Ideen, die sie aber im Gegensatz zu mir auch handwerklich umsetzen kann. Die zweite Schwester ist der Struktur- und Orgamensch, für den eine knifflige Steuererklärung eine Herausforderung ist. Der Bruder ist der Mathe- und Technikfreak, ohne den ich wahrscheinlich nie Bruchrechnung und Kurvendiskussion verstanden hätte (Kurvendiskussion. Das sagt doch schon das Wort, dass die Lösung keine Gerade sein kann!). Gut, für mich blieb also nur – das Wort. Ich habe gelesen, gelesen, gelesen. Und erzählt, erzählt, erzählt, bis ich endlich schreiben konnte. So hat sich das ausgeglichen. Meine große Schwester hat für meinen Handarbeitsunterricht gestrickt, der Bruder hat mir Nachhilfe in Mathe gegeben, die andre Schwester hat mir Merkhilfen vermittelt, ich habe Aufsätze und Bewerbungen gegengelesen.

So einfach kann das sein. Aber wie kriegen wir das in den kleinen, nein, schon so großen Kopf des großen Bruders hinein?

Ihm ständig zeigen, was er schon kann. Ihn bestärken, in allem, was er macht. Ihm das Selbstvertrauen vermitteln, dass er genau richtig ist, so wie er ist, mit dem, was er kann. Ohne auf andere oder gar den Bruder schielen zu müssen.

Das, was wir eigentlich doch alle immer mal wieder brauchen. Wissen, dass man so angenommen wird, wie man ist, ohne alles – und das gar noch perfekt – können zu müssen. Und dann auch nicht auf das zu schielen, was andere besser können. Oder was ihnen anscheinend einfach so zufliegt.

Wir freuen uns jetzt erstmal auf den Ferienbeginn. Weniger Druck, mehr Ausgelassenheit. Und machen, was alle in dieser Familie gut können. Wir gehen Eis essen.

Keine Watte im Haus

Watte. Wir haben überhaupt keine Watte im Haus. Okay, ein paar Abschminkpads. Aber das ist ja keine richtige Watte.

Nicht so etwas Weiches, Flauschiges. Was ringsum alles polstert, abfedert, auffängt.

Das haben wir bisher nicht gebraucht. Laufen lassen, die Kinder Dinge erproben und machen lassen, soweit es irgendwie möglich ist, war immer unsere Devise. Ist es noch. Und doch: Ich hätte jetzt gern Watte.

Es ist dieser eine Moment, in dem du Angst hast, alles zu verlieren. Hilflos daneben stehst, im Arm hältst. Und warten musst, was passiert. Diese Minuten, wahrscheinlich nur Sekunden, in denen du denkst, es ist vorbei. Ist es nicht. Gottseidank. Es passiert täglich irgendwo, irgendwem. Im Krankenhaus ist es Alltag. Und es gibt Schlimmeres, ja, viel Schlimmeres. Es ist ja alles gut gegangen. 

Und doch: Ich brauche Watte. Ich möchte die Jungs plötzlich einpacken, beschützen, behüten. Das Laufenlassen fällt mir auf einmal schwer. Ich liege im Bett und lausche ihren Atemzügen nach. Ist der eine so ruhig, gehe ich schauen. Schnarcht der andere irgendwie merkwürdig, stehe ich an seinem Bett.

Das wird wieder besser. Irgendwann zieht der Alltag wieder ein, muss er ja. Der Schlaf kommt irgendwann wieder. Sonst wäre es nicht zu ertragen. Es ist ja auch alles gut gegangen. Der Verstand weiß das. Das Herz hofft es. Im Kopf muss es noch ankommen.

Ich kann die Kinder nicht in Watte hüllen. Ich will sie ja auch eigentlich nicht in Watte hüllen. Aber die Angst, könnte ich nicht die wenigstens gut verpacken, mit Watte eindämmen? Aber vielleicht geht sie ja mit der Zeit von selber. Wir haben nämlich keine Watte im Haus.

Reclaim the Night

Sie schämen sich. Sie bekommen gesagt, es sei doch nicht so schlimm gewesen. Sie sind vielleicht in irgendeiner Form abhängig von dem Täter. Im nachhinein werden sie dann gefragt, ob sie nicht selbst ein bisschen Schuld daran gewesen seien – war der Blick vielleicht auffordernd, der Rock zu kurz, die Gestik mißverständlich? Dabei sind sie die Opfer.

In den vergangenen 20 Jahren in meinem Beruf habe ich so viele Erklärungsversuche gehört, gerade als Gerichtsreporterin so viele fadenscheinige Entschuldigungen von Männern mitbekommen. Trotzdem frage ich mich immer noch, wie kommen manche Männer dazu, einfach zu glauben, sie können eine Frau beleidigend anquatschen, antatschen, belästigen? Was ist an einem Stopp, Nein oder Hör auf mißverständlich?

Und dann sitze ich mal wieder in einem Interview. Zwei Frauen erzählen mir, wie sie Opfer von Gewalt wurden. Eine von ihnen schaut mich an und sagt: „Laut Statistik werden in Deutschland 40 Prozent aller Frauen über 16 Jahre Opfer von Gewalt. Nahezu 60 Prozent werden Opfer sexueller Belästigung. Mehr als jede 2. Frau. Fragen Sie doch mal in ihrem Freundinnenkreis herum. Oder waren Sie schon mal Opfer?“

Ja. Frau muss nicht lange suchen oder herumfragen, um Opfer beispielsweise sexueller Belästigung zu finden. Ich überlege nur kurz.

Meine Freundinnen waren 7, ich 9, als uns dieser Mann auf dem Spielplatz Panik einjagte, indem er uns gezielt ansprach und sich dann vor uns entblößte. Und lachte über unsere Angst.

Ich war 14 und auf dem Nachhauseweg von einer Freundin, als drei ältere Jungs mich einkesselten und meinten, mich anfassen zu können. Das „Lasst mich in Ruhe“ half nicht, wohl aber, dass ich einen von ihnen kannte, wusste, wie er hieß, wo er wohnte, zur Schule ging. Ihn habe ich fixiert und angesprochen. Er sorgte dafür, dass sie mich gehen ließen. Panische Angst hatte ich trotzdem.

Mit 18 machte ich ein Praktikum in einer Redaktion und die Kollegen dort gaben mir mit, ich solle, wenn ich zum Chef ins Büro ginge, immer vorher Bescheid sagen. Dann kämen nämlich regelmäßig Kollegen mit Fragen ins Büro. Als eben dieser Chef mir sagte, er habe gerade leider keinen 2. Stuhl im Büro, ich könne mich während des Redigierens ja auf seinen Schoß setzen, verstand ich, was sie meinten. Nach kurzer Replik hatten wir klargestellt, dass ich Texte nicht mehr von ihm, nur noch von KollegInnen redigieren ließ.

Eine Kollegin, damals schon Redakteurin, hat den anderen nichts gesagt. Auch nicht, als er auf ‚Nein‘ nicht mehr reagierte und tatsächlich übergriffig wurde. Sie schämte sich. Hatte Angst um ihre Stelle. Und selbst als eine andere Kollegin der Redaktion ihn dann anzeigte, er gehen musste, sprachen die beiden Frauen nicht mehr miteinander, weil die eine sich entblößt fühlte, da das Geschehen öffentlich gemachte wurde. Und sie das Gefühl hatte, sie würde als ‚der Makel‘ betrachtet.

Wenn ich nachdenke, fallen mir noch viele weitere Fälle ein. Von Freundinnen, Kolleginnen, Bekannten. „Ist ja nie Schlimmeres passiert“, hab ich schon mal gehört. Klar. Keine von uns wurde überfallen oder vergewaltigt. Aber wir alle wurden Opfer. Wurden betatscht, erniedrigt, verängstigt, kamen mehrfach in Situationen, in denen uns bekannte oder wildfremde Männer zeigen wollten, dass sie die Stärkeren sind – und wir nur das schwache, wehrlose Freiwild. Gewalt als ein Zeichen der Macht. Sexualisierte Gewalt als Zeichen größtmöglicher Erniedrigung, bei dem sich das Opfer möglichst noch schämt, weil es Opfer wurde.

Frauen sind kein Freiwild. Jedes Jahr seit 1977 gehen deutschlandweit tausende Frauen auf die Straße, fordern die Nacht zurück – ‚Reclaim the night‘.

Denn, wie las ich es die Tage so treffend: „Ich muss als Frau nicht beschützt werden. Mir reicht es völlig aus, nicht belästigt zu werden.“

Ich will nachts keine Angst haben müssen, wenn ich auf dem Heimweg Schritte hinter mir höre. Ich will in eine Bahn einsteigen können, ohne mir Gedanken machen zu müssen, ob genug andere Menschen mit mir im Abteil sitzen. Ich möchte nicht jeden aus Angst unter Generalverdacht stellen. Ich bin kein ängstlicher Mensch, ich sage, was ich denke. Und ich möchte so bleiben.

Dafür müssen wir Opfern zuhören. Sie ernst nehmen. Ihre Geschichten in den Mittelpunkt stellen. Ihnen die Scham nehmen. Zu oft sind nur die Täter im Fokus. Es ist doch so viel leichter, auf jemanden mit dem Finger zu zeigen. Leichter, als sich anzuhören, wie es dem Opfer ergangen ist und lange danach noch geht. Leichter als dem Opfer zu helfen, für dessen Rechte einzutreten, Grundlegendes zu ändern, ist es stattdessen kurzfristig zu agieren.

Sexismus und sexuelle Belästigung sind nicht neu, keine Erscheinung unserer Zeit. Sie sind Alltag. Und das schon seit ewigen Zeiten. Genau deshalb muss darüber gesprochen werden.

Wer Hilfe sucht: Die kostenlose, bundesweit geltende Hotline für Frauen, die Opfer jeglicher Art von Gewalt geworden sind, ist 08000 – 116 016.

Das wars – für 2015

Ein Jahr lang blogge ich mittlerweile wieder. Der Mann lacht immer noch, wenn er einen Text als erster zu sehen bekommt und ich frage, ob ich den veröffentlichen kann. Ob es überhaupt jemanden interessiert. Aber, das habe ich schon bei den ersten Texten gemerkt, das Schreiben tut vor allem mir gut. Es ist meine Art, Sachen die ich (besonders gern nachts) mit mir rumschleppe, los zu lassen.

Und dann war da noch euer Zuspruch, gerade auf Texte wie ‚Opa lässt Pollen schneien‘, ‚Fragt, so lange ihr fragen könnt‘, ‚Welcome‘ oder auch auf so bierernste Themen rund um den Fußball wie in ‚Menage à trois oder Gratulation‘. Danke dafür.

Und: Ich mach das jetzt einfach weiter so. Oder wie der Mann immer so schön sagt, wenn ich zweifel: „Muss doch keiner lesen, machen sie doch freiwillig.“

In dem Sinne ziehe ich jetzt noch mal eine persönliche Bilanz, wechsel die Interviewseite und beantworte das weitverbreitete Jahresrückblicks-Frage-Antwort-Spiel.

2015

1. Haare länger oder kürzer?
Länger. Bei meiner Friseurin haben sie so erbarmungsloses Licht, dass ich dann eher Farbe als Schere ans Haar lasse.

2. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Immer noch Brillen- und Kontaktlinsenfrei. Daher medizinisch: keine Ahnung. Menschlich übe ich mich im kurzsichtig sein. Also weniger Grübeln über das was-wäre-wenn auf lange Sicht, sondern leben jetzt.

3. Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Die plötzlich notwendige Küche.

4. Der hirnrissigste Plan?
Mal eben zwischendurch umziehen. Aber auch der beste in diesem Jahr.

5. Gefährlichste Unternehmung?
Ein paar Jungs zu einem Kindergeburtstag gebracht. Sich dabei mit einem Rosenstrauch, der neben dem Auto parkte, angelegt. Ging ins offene Auge. Wortwörtlich. Aber Glück gehabt.

6. Das berührendste Buch?
Suna von Pia Ziefle.

7. Der ergreifendste Film?
Star Wars. Einerseits gefühlt wie wieder 12, andererseits begeistert von gelungener Fortführung.

8. Liebstes Musikstück?

9. Schönstes Konzert?
Kein Konzert. Aber zum ersten Mal Stunksitzung (nach 18 Jahren verpasste Anläufe).

10. 2015 zum ersten Mal gemacht?
Menschen aus dem Internet in real getroffen, ganz viele auf einmal, beim #tkschland. Und in München gewesen und noch mehr Leute aus dem Internet kennengelernt. Toll.

11. 2015 nach langer Zeit mal wieder getan?
Umgezogen, neuen (Zweit-)Job angenommen.

12. 3 Dinge, auf die ich hätte verzichten können?
Streit jeglicher Art, dumme Menschen, Gewalt nah und fern.

13. Wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Loslassen.

14. Schönste Geschenk, dass ich jemandem gemacht habe?
Zeit.

15. Schönste Geschenk, dass mir jemand gemacht hat?
Monsterknuddler.
Ein Wochenende allein mit meinem Mann.

16. Schönste Satz, den mir jemand gesagt hat?
„Am Ende des Regenbogens ist ein Schatz. Das bist du.“
und
„Wir schaffen das zusammen.“

17. Schönste Satz, den ich jemandem gesagt habe?
„Wenn du sagst, wir schaffen das, dann glaube ich das.“

18. 2015 in einem Wort?
Ver-rückt.

So, und jetzt wird nach vorne geguckt. Willkommen 2016. 

Kommt gut rein.  Und macht das Beste aus dem neuen Jahr.

Frohes Neues Euch allen!