Ferieneingewöhnung oder: Wo bitte geht’s denn hier zum Abenteuer?

Was haben wir hier drauf gewartet: Ferien, endlich frei! Keine Schule, keine Hausaufgaben, lange schlafen, spielen, machen, wozu man Lust hat.

Okay, soweit die Vorstellung.

Und dann beginnt sie, die Realität. Um 6 Uhr ist der Große, der in den letzten Wochen mit Engelsgeduld um 7 Uhr aus dem Bett geredet werden musste, hellwach. Ferien! Machen, was ich will. Und dann trifft er sie in seinem Zimmer, die Ernüchterung. Er sitzt da, schaut sich um. Im Gegensatz zur Familie putzmunter. Er könnte lesen. Oder was mit Lego bauen. Wie ist das Wetter, können wir den Pool aufbauen? Mama, wie wäre es mit einer Runde Kniffel? Machen wir eine Radtour? Unbegrenzte Möglichkeiten. Allerdings ist die Diskussionsbereitschaft der Eltern um diese Zeit – zurückhaltend. So viele Möglichkeiten. Aber es fühlt sich alles nicht nach Ferien an. Dieses Gefühl von Freiheit, Faulenzen. Es stellt sich einfach nicht sofort ein. Alles ist langweilig, doof, kennt er schon. Wo bitte geht’s denn jetzt zum Abenteuer?

Im Zimmer nebenan wird der kleine Bruder wach. Erster Gedanke: Ich habe Ferien. Kurze Nachfrage: „Mama, wann ist wieder Kindergarten, ich wollte doch noch mein Buch zeigen?“ Vorsichtige Antwort: „Die Kindergartenzeit ist doch jetzt vorbei, wir können deine alte Gruppe nach den Ferien mal besuchen…“ Und jetzt trifft der Kleine sie in seinem Zimmer, die Erkenntnis. Er ist jetzt kein kleines Kind mehr. Er wird bald ein Schulkind sein. Heute geht er das erste Mal in eine Ferienbetreuung, mit Kindern, die er noch nicht kennt, wie ein Großer. Yippieh! Er kramt seinen Rucksack hervor, schnell, Verpflegung rein, wir fahren mit dem Fahrrad, dem größeren mit Gangschaltung, dass er just von seinem Bruder übernommen und gegen das Kinderrad getauscht hat. Groß, groß, er ist endlich groß. Dieser Duft von Freiheit!

Im elterlichen Schlafzimmer schauen vier müde Augen auf den Wecker. Es ist 6.15 Uhr. Da war doch was? Ach ja, Ferien. Warum haben wir unseren Urlaub nicht auf die ersten drei Wochen der Sommerferien gelegt, dann könnten wir uns auch gerade auf Langeweile und Abenteuer freuen. Stattdessen der erste Gedanke: Warum so viele Worte vor dem Weckerklingeln? Ach nein, der klingelt ja heute für die Kinder gar nicht. Dafür scheppert neben meinem Ohr der Kniffel-Würfelbecher. „Eine Runde, Mama?“ Ich kann nicht würfeln, bevor ich den ersten Kaffeebecher gehalten habe. Äh, ich meine geleert habe.

8.30 Uhr. Der Große, der noch vor einer Stunde absolut keine Lust auf Ferienbetreuung hatte, hört Musik, tanzt, macht sich fertig. Er will jetzt schnell los, seine Freunde warten. Das ‚Du-hast-noch-Zeit‘ hört er nicht mehr, ihm ist eingefallen, wie Ferien gehen. Dass er diese Woche durch die Natur streifen wird, mit Freunden über Felder und durch Wälder toben wird. Ohne große Vorgaben. Einfach mit Spaß, Lachen, matschigen Füßen oder verstaubtem Gesicht.

Der Kleine hat seinen Fahrradhelm an und wartet nur drauf, mich abzuhängen. „Los Mama, es sind Ferien. Ich fahr‘ nicht mehr wie ein Kleiner zur Kita.“ Groß, groß, er ist groß. Wann radeln wir denn endlich los ins Abenteuer?

Wir Eltern nicken uns stumm zu, bereiten uns auf unseren Alltag vor. Noch drei Wochen. Dann haben wir Urlaub. Mal sehen, wie lang unsere Eingewöhnungszeit dauern wird.

Was auf Zeugnissen steht – und was darauf stehen sollte

Noch sechs Tage, dann ist es wieder soweit. Es gibt Zeugnisse. Zwei Jahre liegt es nun zurück, das erste Zeugnis, das mit einer Mischung aus Freude und Bauchweh entgegen genommen wurde. Zwei Jahre liegt unser Treppengespräch nun zurück. Schule ist mehr und mehr zum Alltag geworden. Schule ist nicht mehr vor allem spannend und aufregend. Schule ist öfter auch mal doof, oft auch langweilig. Und Schule ist mehr und mehr Stress.

Das nächste Schuljahr, das nächste Zeugnis wird entscheidend sein für den nächsten Schritt – die weiterführende Schule. Und während wir Eltern hier gerne einfach Schritt für Schritt gehen würden, den Druck soweit wie möglich rausnehmen wollen, steht es plötzlich mitten im Kinderzimmer, das „Weiterführende-Schule-Gespenst“. Wie geht es nach der Grundschule weiter?

Wie oft werden wir von anderen Eltern gefragt, was wir geplant haben. Wie oft werden wir erstaunt angesehen, weil wir nicht schon in den vergangenen Schuljahren Infoabende weiterführender Schulen besucht haben. Aber das ist nicht wichtig, denn der Ehemann und ich können das wegstecken.

Aber wir haben den Druck, den wir nie machen wollten, der aber von außen auf das Kind presst, unterschätzt. „X wird auf diese Schule gehen, Y dahin…“ Während ich denke, sie tauschen ihre Ninjago-Karten auf dem Schulhof, diskutieren sie immer öfter auch das „Was-kommt-dann“. Und dann drängt sich die Frage „Bin ich gut genug?“ in die Köpfe von 9- und 10-Jährigen. Diesmal kam sie nicht unmittelbar vor der Zeugnisvergabe auf der Treppe. Sondern beim Frühstück, eine Woche vorher.

Bin ich gut genug? Gut genug für was? Du kannst toll rechnen, liest gerne, bist eine Sportskanone. Ja, du machst Fehler. Ja, du reagierst nicht immer „schulkonform“. Aber hey, du bist 9! Du steckst voller Ideen, erfindest Geschichten, malst wahnsinnstolle Bilder, drehst Filme. Du spielst mit deinem Bruder Schule, bringst ihm so viel bei, dass er es zum Beispiel in der Schule in einigen Bereichen bestimmt leichter haben wird, als du es hattest. Du bist eine Sportskanone, läufst so schnell, springst so weit, wirfst voller Kraft, dass ich mich oft Frage, wo all die Energie in dem drahtigen Körper steckt. Du liebst die Natur, hast eine Auge für die schönen Dinge um dich herum. Du bist ein Quatschmacher. Beim Durchblättern deines Freundebuches fiel mir auf, dass fast jeder deiner Freunde unter ‚was ich an dir mag‘ nicht nur schrieb, dass man mit dir viel Spaß hat, sondern dass du hilfsbereit bist. Klar streitest und schimpfst du. Aber du bist auch voller Empathie. Du bist nicht gut. Du bist toll. Das alles sollte eigentlich auch in deinem Zeugnis stehen.

„Auf welche Schule würde ihr Kind denn gerne gehen?“ fragte mich jüngst jemand vom Lehrpersonal. Ganz ehrlich? Mein Kind hat überhaupt keine Vorstellung, was Gesamtschule, Gymnasium, Realschule bedeuten. Es ist 9. Und wenn ich es frage, dann will es eines: In eine Schule mit seinen Freunden gehen. 

Wir werden uns also im Herbst, wenn es dann soweit ist für diesen Schritt, weiterführende Schulen anschauen. Wir werden sehen, was auch dem Kind dann zusagt, wenn es sich ein Bild gemacht hat. Bis dahin versuchen wir weiterhin uns -wenn auch möglicherweise naiv- dem Entscheidungsdruck entgegenzustellen.

Und warten sehnsüchtig erstmal auf die anstehende nächste Etappe: Ferien. Nur noch 10 Tage.

Endlich Schule. Und jetzt?

Warten ist nicht gerade meine Stärke. Und nachdem der jüngere Sohn keinen Platz an der gleichen Grundschule wie der ältere bekommen hatte, war ich zappelig. Ich beschloss, wegen des Betreuungsplatzes – in Bonn Offene Ganztagsschule, kurz OGS genannt – beim Träger nachzufragen. Und bekam die glückliche Nachricht: Wir haben auch für den zweiten Sohn einen Platz.

Ein OGS-Platz, das bedeutet, das Kind ist nach Schulschluss betreut. Es gibt ein gemeinsames Mittagessen und die Hausaufgaben werden dort gemacht. Ab 15 Uhr bis 16.30 Uhr können die Kinder abgeholt werden. Zudem gibt es je nach Schule beispielsweise sportliche oder kreative AG-Angebote.

Ein Gespräch mit zwei befreundeten Müttern, deren Kinder jetzt auch eingeschult werden, machte mir noch einmal deutlich, wie froh ich über den Platz sein kann – ihre Kinder wurden abgelehnt. Denn im Gegensatz zum Rechtsanspruch bei der Kita gibt es nichts Vergleichbares an der Schule. Und Schulschluss ist in den ersten zwei Jahren meist um 11.30 Uhr. 11.30 Uhr. Mit welchem Job soll das vereinbar sein?

Als unser Ältester ein Jahr alt war, wollte ich wieder in den Job einsteigen. Mein Mann hatte schon im ersten Jahr Stunden reduziert, so dass ich Kontakt halten und freiberufliche Aufträge annehmen konnte. Bei der Suche nach einer Tagesmutter dachten wir ganz naiv, puh kompliziert. Aber wenn das einmal geregelt ist…

In Wahrheit wurde hier schnell deutlich – auch im Kontakt mit anderen Eltern: Unsere Tagesmutter war die einfachste und flexibelste Lösung, die wir je finden sollten. Schon bei der zweiten, die wir besuchten, stimmten Bauchgefühl und alles drum herum. Wir konnten unsere Kinder tageweise bringen, mussten nur die betreuten Stunden zahlen, keinen Pauschalbetrag.

Mit 3 Jahren dann der Wechsel in die Kita: Es war zufällig ein 35-Stunden-Blockplatz frei. Das hieß damals: Vormittags bis 12 Uhr, dann hätte das Kind nachmittags von 14 bis 16 noch einmal kommen können. Da der zweite Sohn gerade geboren war, für uns machbar – und im Sommer darauf konnten wir auf einen regulären Platz aufstocken.

Dann kam die Schul- und Betreuungssuche. Schon bei der Anmeldung wurden wir darauf hingewiesen, wie schwer die Platzvergabe sei. Dass man sich ggf mit anderen Eltern organisieren sollte, wenn man keinen bekäme. Für hin und wieder eine gute Idee, aber als dauerhafte Lösung? Das ist bis heute keine wirkliche Alternative, doch für Eltern, die keinen Platz bekommen, notwendiger Alltag.

An unseren beiden Schulen gibt es von Eltern organisierte Übermittag-Vereine. Das heißt, die Kinder werden dort bis 14 Uhr ehrenamtlich betreut, aber ohne Hausaufgaben und ohne Mittagessen. Es sind tolle Einrichtungen und das Engagement der dort Aktiven ist großartig. Aber für uns hätte diese Lösung zeitlich nicht gereicht. Und auch hier gilt: Die Plätze sind beschränkt.

Sowohl der Ehemann als auch ich sind ehrenamtlich in Schule und Kita aktiv. Wir haben auf unterschiedliche Weise Einblick in die Platzvergabe. Und wir haben festgestellt, wie schwer sich auch die Einrichtungen mit den Absagen tun. Aber es gibt nun mal Kriterien, nach denen sie sich richten müssen: Berufstätigkeit, alleinerziehend, Geschwister etc..

Das Problem sind nicht die Träger, sondern die politische Situation. In der Politik sind Kitaplätze das Thema. Mit dem Ausbau, dem dort investierten Geld, posiert man gern. Der Ausbau ist wichtig und notwendig. Aber es ist eben nur ein Baustein. Und so kommt es mir vor, als baue man hier im Bildungs- und Betreuungswesen ein Haus, nur leider ist nach dem Erdgeschoss das Geld weg. Und außerdem habe man überhaupt vergessen, weitere Stockwerk einzuplanen. Und natürlich gar nicht berücksichtigt, wie viele Personen einziehen sollen.

Die Aufgaben der Mitarbeiter an den OGSen werden immer größer. Mehr Kinder suchen einen Platz, Inklusion sollte eigentlich nicht nur vormittags ein Thema sein und Betreuung qualifiziert, keine Verwahrung. Das ganze dann aber mit wenig Personal bzw. Geld.

Wenn jetzt wie in NRW Landtagswahlen oder im September Bundestagswahlen sind, dann ist das die richtige Gelegenheit, mal bei seinen Kandidaten die Schul- UND Betreuungspolitik an Schulen zu hinterfragen. Und Forderungen zu stellen.

Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, der Kitaausbau ist wichtig – aber was nützt er, wenn man drei oder vier Jahre später beim Thema Schule und Betreuung von Stadt/Kommunen gesagt bekommt: Das ist nicht unsere Aufgabe, dafür gibt es keinen Rechtsanspruch, da machen wir nichts? Und auf die finanzielle Ausstattung gehe ich gar nicht erst weiter ein…

In den meisten Fällen sind es wieder die Frauen, die zurückstecken. Ihren Job aufgeben, kürzer treten, nicht wieder einsteigen (können). Aber betroffen sind die Familien insgesamt und vor allem die Kinder, und um die geht es doch. Gute, qualifizierte Betreuung endet nicht nach der Kita. Und übrigens auch nicht unbedingt direkt nach der Grundschule. Was Vereinbarkeit von Familie und Beruf braucht, ist Weitsicht über plakative Themen hinaus und langfristige Planungen.

Erwartungen

Eislaufmutter. Sagt heute keiner mehr. Können Jüngere wahrscheinlich gar nichts mit anfangen. In den 80er Jahren wusste jeder, was gemeint war, wenn man davon sprach. Eislaufmutter. Eine Mutter, die ihr Kind pusht, Erwartungen von sich auf den Nachwuchs überträgt, ehrgeizig, mit dem Kind erreichen möchte, was sie selbst nicht geschafft hat.

Für mein Eltern-Dasein hatte ich mir vorgenommen: Nicht überbehüten, Freiräume lassen, vor allem nicht eigene Erwartungen auf das Kind übertragen.

Als ich das erste Mal schwanger war, war ich einfach neugierig. Wer wächst da heran, wie wird er sein, was wird er mögen, gerne machen, wie wird er sich entwickeln. Ich wollte ihm völlig erwartungsfrei gegenüber treten. Für immer. Dachte ich so naiv. Nur eines wünschte ich mir für meinen Sohn. Dass er ein glückliches Kind wird/ist.

Und da war sie schon, die erste Erwartung. Was ist Glück? Wann ist man glücklich? Kann man einfach von sich aus glücklich sein? Im Nachhinein denke ich manchmal, puh, ganz schöne Bürde, die ich ihm da mit meinem Wunsch auferlegt habe. Denn wer ist schon immer glücklich? Zum Glücklichsein gehört auch traurig sein. Es gehört dazu, sich selbst auszuprobieren, zu scheitern, neu Anlauf zu nehmen, Fehler zu machen, sie zu akzeptieren und anzunehmen. Zu lernen, gegen Wände zu laufen, darüber zu lachen, über sich lachen, aber auch auf sich wütend sein und auch auf die Welt um sich herum. Es gehört dazu, den eigenen Weg zu finden.

www.rosaswelt.info


Und dann stehe da auch ich noch herum. Mal als hilfreicher Wegweiser, mal als
Blitzableiter, mal einfach nur als zusätzliche Hürde. Das Schwierigste
an all diesen Aufgaben ist es, erwartungsfrei zu sein. Ich gebe zu: Ich
kann es nicht immer.

Ich habe nicht die Erwartung, dass mein Kind einen bestimmten Notenschnitt erreichen muss. Dass mein Kind auf ein Gymnasium muss. Dass es eine bestimmte Karriere machen soll. Aber ich habe Erwartungen. Immer wieder, mal unbewusst, mal ganz deutlich. Oft welche, die für ein Grundschulkind vielleicht einfach zu viel sind. Und obwohl ich das weiß, kann ich sie nicht ganz los lassen. Ich sehe den Druck, den das Kind sich selber macht. Dass es sich immer mit den Besten misst. Und selbst wenn es in einem Bereich – ob nun Schule oder Hobby – zu den Guten gehört, macht es sich selbst oft schlecht. Oder verweigert sich total, denn wenn es nicht ganz vorne sein kann, dann kann es das ja auch ganz lassen. Ich sehe, wie es sich selber manchmal den Weg schwer macht, sich Steine in den selbigen legt. Dann kommen sie hoch, die Erwartungen: Du kannst so viel, warum siehst du das nicht? Warum bist du wütend, kannst es nicht einfach noch einmal probieren?Wieso Faxen und Clownereien, das hilft doch nicht weiter? Nimm doch an, was ich dir erkläre/ rate.

Und dann verzweifle ich fast daran, zusehen zu müssen, wie das eigene Kind gegen Wände rennt. Sich Dellen und Beulen holt. Versuche ich einzugreifen, gegenzulenken, wird es nur schlimmer. Dann bricht das Gewitter los. Schlimmstenfalls in einem Moment, in dem ich mich gerade überhaupt nicht als Blitzableiter eigne. Sondern eher einem Vulkan gleiche, dem der letzte Funke zum Ausbruch nur noch fehlte.

Ich übe das Zuschauen. Wirklich. Das gegen Wände laufen lassen, ungebremst. Ich stehe dann da. Mit einem Kühlpad, einem Pflaster und bereit, in den Arm
zu nehmen, zu trösten. Manchmal muss der Vulkan dafür auch erst etwas abkühlen, aber das tut er, immer.

Ich sehe, wie das andere Kind dann oft versucht, erst Recht Erwartungen zu
erfüllen. Es sieht die Zusammenstöße, die Wut, Enttäuschung, das Traurig sein. Und bemüht sich dann, genau diese Hürden zu umgehen. „Ich mache das dann so wie du gesagt hast…“ ist so ein Satz, der mich hier aufschrecken lässt (man kann es mir auch nicht Recht machen!).

Denn beim zweiten Kind hatte ich schon einen anderen Wunsch, schon wieder eine Erwartung. Nachdem ich in der Schwangerschaft erste Reaktionen wie „Oh, noch ein Junge. Praktisch, dann kennt man ja schon alles“ zu hören bekam, habe ich mir für ihn gewünscht: Sei du. Gehe deinen Weg, ohne dich zu vergleichen oder zu messen.

Auch das ist nicht immer einfach mit einem großen Bruder, der vieles eben schon kann. Irgendwie geht es auf die Bäume rauf, auch wenn man allein nicht mehr runter kann. Abends schaut das Kind sich so lange Bücher an, bis aus den Buchstaben Wörter werden, damit es lesen kann, wie der Große auch. Und ein Strich über dem Rand im Malbuch führt zu Tränen, weil der große Bruder eben schon so schön und fehlerlos malt.

Auch hier hilft nur: Daneben stehen, zeigen, dass ich immer da bin, aber machen lassen. Immer mal wieder erwähnen: Du bist du.

Ungerechterweiser fällt mir das leichter als das Zuschauen, wie jemand es sich selber schwer macht, wie er manchmal nicht nur gegen den Rest der Welt, sondern gegen sich selbst kämpft.

Und dann überraschen sie mich. Jeder auf seine Art. Der eine zum Beispiel, der mir plötzlich erzählt, dass er ein Ziel erreicht hat. Obwohl er mir Wochen lang immer wieder alle Brocken vor die Füße geworfen hat, immer wieder betonte, das wäre der größte Mist, nie würde er es schaffen, nie wieder je versuchen. Oder der andere, der mir beispielsweise einfach sagt: Nein, ich möchte das doch nicht ausprobieren. Ich weiß, dass das mir nicht gefallen wird, ich bin da anders als der Große.

Ich habe Erwartungen. An beide Kinder. Dazu kommen Erwartungen, Aufgaben, Pflichten von außen – Schule, Kita, Freunde, Vereine – , mit denen die Kinder lernen müssen, umzugehen. Ich habe Erwartungen und Hoffnungen, aber es sind meine. Das weiß ich, muss ich mir dennoch immer wieder klar machen. Die Kinder gehen ihren Weg. Auch wenn sie sich dabei immer wieder den Kopf stoßen, oder umschauen, wie es andere machen. Auch wenn ich mir dabei immer wieder Sorgen mache oder Zukunftsängste habe. Alles wird gut. Erwartungen sind okay. Hauptsache das Vertrauen in die Kinder ist größer.

Vom bunten Land und der weiß-getünchten Parallelwelt

15 Jahre ist es in diesem Monat her. Vor 15 Jahren nahm ich meinen ersten Flug in die USA, auf dem Weg zu meinem Praktikum. Ich hatte Bilder im Kopf von dieser Stadt, von diesem Land, von diesem Kontinent. Viele wurden in den Monaten darauf übermalt, korrigiert, von schwarz-weiß in bunt gefärbt – oder umgekehrt.

Ich habe New York in alle Himmelsrichtungen erkundet. Zu einer Zeit, als in der Stadt eine frische, riesige Wunde klaffte. Einer Zeit, in der die Menschen dort zutiefst verletzt worden waren. In der nur wenig Touristen dorthin kamen, wo noch der Staub von 09/11 lag. Und ich bin mit offenen Armen, Freude und Neugier empfangen worden. „Es ist schön, dass du dich traust, dass du hier bist“, hat mir mal ein wildfremder Mann auf der Straße gesagt, als ich zwischen Häuserschluchten nach einer Adresse frug.

Ich habe Amerika nicht als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der absoluten Gleichberechtigung, des gelebten Multikulti erlebt. In der Stadt, die für mich als der Schmelztiegel galt, lernte ich schnell, dass es immer noch Hierarchien gab. Nach Hautfarbe, nach Herkunft, nach Nationalität. Ein friedliches Nebeneinander im besten Sinne. Ich erinnere mich an das Interview einer Kollegin mit einem Comedypaar, das sein Leben zum Programm gemacht hatte – ein Jude und eine Schwarze, die dafür kämpften, ein Paar sein zu können. Ich erinnere mich aber auch an ein Aufeinanderzugehen. Eine gemeinsame Feier einer Synagogengemeinde mit der domenikanischen Nachbarschaft, jahrzehnte hatten sie nur nebeneinander gelebt.  Man wollte an vielen Orten, dass aus dem Neben- ein Miteinander wird.

Mein Lieblingsstadtteil wurde schnell Brooklyn in all seiner Vielfalt. Williamsburg mit den Künstlern, die in alten Fabriken lebten, Studenten, Familien. Von roten Backsteinhäuschen in gefegter Straße in Brooklyn Heights über alte Brauereien in Dumbo vollgesprüht mit Graffiti hin zu kleinen Cafés mit selbstgebackenem Kuchen (zu bezahlbaren Preisen). Und ersten hippen Restaurants sowie Protestschildern davor, die vor der Kommerzialisierung der Viertel warnten.

Einer dieser Spaziergänge führte mich nach Coney Island, eigentlich ganz an den Rand davon. Ich ging mit einer meiner Mitbewohnerinnen am Meer entlang, bis wir vor einer Mauer standen. Wir gingen die Mauer entlang, weil wir uns nicht erklären konnten, was diese Eingrenzung des Meeres zu bedeuten hatte. Und landeten vor einem bewachten Tor. Mein erstes, unbedarftes Zusammenprallen mit einer „Gated Community“.

Wir erzählten den Wachmännern, dass wir aus Deutschland kämen („aber dann kennt ihr das mit einer Mauer doch“). Ich erzählte von meinem Praktikum in der Redaktion und wollte mehr wissen, von dem Leben hinter der Mauer. Dem freiwilligen.

Es war ein ruhiger Nachmittag an einem Wochentag und sie beschlossen, dass sie uns wohl ohne Ärger hinein lassen konnten. Und so fuhren meine Mitbewohnerin und ich in einem Streifenwagen durch die Straßen dieser ganz eigenen Welt. Hinter dem Tor war alles weiß. Die ordentlichen Einfamilienhäuser, die sauberen Straßen und die Bewohner. Was gerade in diesem Teil von Brooklyn sofort auffiel. Auf einem Basketballplatz warfen zwei Jungs Körbe, in einem Vorgarten wurden Blumen gegossen. Wenn sich das Tor öffnete, dann, damit ein großer Familienwagen vorfahren konnte.

Die Wachmänner haben unser Staunen belächelt. Doch bis heute ist diese Parallelwelt innerhalb einer Stadt wie New York das Skurrilste, Irrealste, was ich dort gesehen habe. Dieses sich Abgrenzen von anderen, diese gelebte Angst, inmitten gerade dieser Stadt – ich konnte es einfach nicht verstehen. Es war mir so fremd.

Dann lese ich heute neueste Nachrichten aus den USA. Starre fassunglos auf jüngste Bestimmungen, Kündigungen. Auf Mauern, die man um das Land bauen will.

Für mich war Amerika nicht das Land, in dem alle friedlich, vorurteilsfrei und gleichberechtigt miteinander lebten. Ich traf dort auf Armut und sehr konservative Regelungen. Aber ich habe es auch kennengelernt als das Land des friedlichen Nebeneinanders, das manchmal sogar zu einem Miteinander werden konnte. Ich habe so viele Menschen dort kennengelernt, die Grenzen überwinden wollten, die aufeinander zugingen, die im wahrsten Sinne weltoffen waren.

Das ist 15 Jahre her. Ich weiß, es gibt viele dort, die mit dem, was derzeit in ihrem Land geschieht, nicht einverstanden sind, auf die Straße gehen, ihre Stimme erheben.

Dennoch: Ich hätte es mir 2002 nicht vorstellen können. Aber Amerika 2017 macht mir Angst.

2017

Hallo, neues Jahr. Ich freue mich. Auf das, was du so bereit hältst für uns an Plänen und Überraschungen.

Ich freue mich auf…

▪ein Familienfest mit Gästen für den Großen, der seine Kommunion feiern wird (Und die kommen dann tatsächlich alle für mich? Ja, mein Schatz, nur für dich.)

▪die Einschulung des Kleinen, bis dahin werde ich meine Melancholie (sie werden so schnell groß) auch ganz bestimmt gegen ausschließlich Stolz eingetauscht haben

▪ein Konzert von Depeche Mode, dass ich mit meinem Mann besuchen möchte (äh, hallo Babysitter…)

▪einen Urlaub in einer Gegend, in der ich noch nie war, die der Ehemann als Kind oft bereiste, auf einem Bauernhof, auf dem es dann hoffentlich auch die dazu passende Uhr gibt (bisschen Klischee muss ja sein)

▪einen rheinischen Geburtstag. Selbst das Tischfeuerwerk an Silvester hat eine 44 ausgespuckt

▪den Frühling und die Wiederbelebung des Gartens und hoffentlich die Umsetzung des Plans, ein Hochbeet zu basteln

▪den Sommer, der hoffentlich auch Sonne beinhaltet. Auf Tage mit den Jungs im Freibad und auf Wanderwegen, mit Picknick am Rhein

▪den Herbst, Spaziergänge im Laub und das erste Mal Kastanien sammeln seit sechs Jahren für den Eigenbedarf und nicht für die Gummibärchenaktion der Kita. Die ersten Herbstferien mit zwei Schulkindern.

▪den Winter mit all seinen Festen und Lichtern 

▪ das Meer, das ich hoffentlich irgendwie auch 2017 sehen werde, wenn auch bisher uneingeplant

▪viele Überraschungen, die meine Kinder mir bereiten werden, in dem sie wachsen, entdecken, ausprobieren (und mich Geduld und Durchatmen lehren)

▪vielleicht ein Wochenende allein mit dem Ehemann, wenn ich auch keine Ahnung habe, wie wir das organisieren sollen

▪neue Ideen und Aufgaben, die sich im Berufsleben ergeben werden

▪Zeit zum Lesen, Freunde treffen

▪neue Sportarten (ich werde ernsthaft suchen, nur ob ich fündig werde…)

▪ein Glas voller schöner Erinnerungen, das wir dann an Silvester leeren können

Frohes neues Jahr!

Durchs Leben jonglieren

Es regnet. Dieser feine Nieselregen, der im Laufe eines kurzen Weges schon durch und durch geht. Es ist nicht richtig kalt, aber uselig. So sagt man hier im Rheinland. Ungemütlich. November eben. Und dann kommt der schwerste Teil meines Arbeitsweges. Die Fahrt mit der Bahn durch den Flughafen.

Sitzen bleiben. Nicht aussteigen. Nicht irgendein Last-Minute-Ticket kaufen, in den Flieger steigen, irgendwo aussteigen, was anderes sehen. Hallo Fernweh, da bist du ja wieder. 

Der November macht es mir gerade schwer. So viele Termine, zu viel Stress, schlecht gelaunte Menschen um mich herum. So viel zu tun. Und dann stolper ich wieder über die Kiste aus dem Keller, die ich noch aussortieren wollte. Eine Kiste voll Urlaubserinnerungen, von Reisen in verschiedenste Länder. Nach gut 15 Jahren fällt er mir wieder in die Hände, ich wusste gar nicht mehr, dass ich ihn noch besitze. Ein Brief vom Weißen Riesen.

Ja, so haben wir ihn liebevoll genannt, den blassen Hünen mit den schwarzen Locken und dem Bart, wie er so in Irland am Strand stand und aussah, als könnte ihn nichts umwerfen. Der Weiße Riese, der eigentlich Daniel hieß, aus der Schweiz kam, Ingenieur war und sich ein Jahr Auszeit genommen hatte, um zu reisen. Der später noch wunderbare Geschichten per Post (ja, handgeschriebene Briefe, so lange ist es her) schickte, die wir weiterschreiben und zurückschicken sollten. Der mir das ‚wichtigste‘ Schweizer Wort versuchte beizubringen: Chuchichäschtli.

Plötzlich tauchen so viele Erinnerungen auf einmal wieder auf, dass sich mir der Kopf dreht.

Ich erinnere mich an John, der aussah, wie eine Touristenbroschüre eben einen Iren abbilden würde: Rote Haare, Sommersprossen. Er bewahrte mich davor, im Nichts mit dem wunderbarsten Sternenhimmel von einem Auto überfahren zu werden, weil ich auf der falschen Straßenseite ging. Er konnte wunderbar jonglieren und gab mir bei der Abreise von Dingle noch mit: „Übe jonglieren. Mit Jonglieren kommst du immer durchs Leben.“

Ich höre das Lachen von Anne Marie. meiner Teenager-Brieffreundin, die ich quer durch Irland bei meiner Reise immer auch suchte und mit der ich den letzten Abend auf der Insel durchgefeiert habe.

Ich denke an Kyeong, die im Wohnheim in New York auf dem gleichen Flur wohnte wie ich. Die mich zu ihrer Familie nach Washington einlud. Und mir einen Hauch von Korea mitten in den USA nahe brachte. Die mir zum Frühstück gekochtes Rindfleisch servierte und meiner Leidenschaft für Friedhofsspaziergänge in Arlington nachkam.

Ich blättere in den Kalligraphien, die mir Lili geschenkt hat. Deren Besuch mich in Brooklyns-Stadtteil Jamaika führte und die mir bei einer Tasse Tee von ihrem Leben, von Hass, Glück, Flucht, Liebe, Verlust erzählte und die sich zm Abschied eine Heinrich-Heine-Postkarte aus Düsseldorf von mir wünschte.

Mit fällt Georgios ein, der auf Korfu ein kleines Restaurant ganz versteckt in den Bergen und dennoch direkt am Meer führte. Tagsüber ging er fischen, abends servierte er den besten Oktopus, den ich je gegessen habe. Und dabei erzählte er vom Meer. Und als es zu dunkel für den Rückweg durch den Wald wurde, schipperte er uns mit seinem Boot in unsere Bucht und erzählte noch mehr Geschichten vom Meer. Und seinem Boot.

Wenn ich an den ersten und einzigen großen Urlaub mit meinen Eltern in Italien denke, dann fällt mir direkt das britische Mädchen ein, mit der ich auf der Luftmatratze im Mittelmeer lag, wo wir uns gegenseitig unsere Sprachen beibrachten.

Mir fallen Lasse und Nilla in Schweden ein, in Israel war Gabriel unser ständiger Begleiter, der mir zeigte, wie man am besten eine Pomelo isst. Ich denke an Enzo, der nach Australien auswanderte und mir die Faszination hochgiftiger Spinnen (ja, die können schön sein!) zeigte und an Peter, dessen Vorfahren aus dem Pott kamen, und der so ein besonderes Auge (und die entsprechende Kamera) für die Landschaft dort hat. Mir fällt die Höllanderin ein, deren Namen ich nicht kenne, die mir an einem Silvesterabend mit den Worten „Geef me een knuffel“ die Luft nahm.
Reisen heißt, andere Länder zu entdecken. Neue Landschaften, andere Kulturen, fremde Speisen kennenzulernen. Für mich aber heißt es vor allem, Menschen zu treffen. Menschen verschiedenster Herkünfte, verschiedenster Lebensweisen, verschiedenster Lebensmodelle. Und ich glaube, das ist es, was ich vermisse, wenn das Fernweh hin und wieder auftaucht. 

Und sollte der Weiße Riese irgendwie an diesen Text kommen und ihn lesen: Ich hoffe Seppli verließ sein Häuschen und den dunklen Tannenwald und fand, wonach er suchte.

Und mit all diesen Menschen im Kopf vertreibe ich jetzt das Novembergrau. Es ist Advent. Zeit für Lichter und irgendwie bitte auch für ein bisschen Ruhe. Und für die Menschen, die mir heute am wichtigsten sind.

Die unwiederbringliche Leichtigkeit des Wäschestreckens

Aufgeregt schnattern sie alle um mich herum. Was sich wohl in, hinter, auf diesem merkwürdigen Schrank auf der Bühne befindet? Was es mit dem Wäscheständer auf sich hat? Herr und Frau Meier stehen am Theatereingang und begrüßen jeden Gast. Für einige im Zuschauerraum ist es bestimmt der erste Theaterbesuch ihres Lebens, und als das Licht langsam ausgeht, tritt ehrfürchtige Stille ein.

Ich freue mich auf ein schönes Stück, darauf zu sehen, wie mein Jüngster und seine Freundin das Geschehen rund um „Frau Meier, die Amsel“ wohl aufnehmen werden.

Und dann stehen Frau und Herr Meier einträchtig am Wäscheständer und es trifft mich unerwartet, ich bin plötzlich wieder 4 oder 5. Es zieht mir kurz das Herz zusammen, aber dann breitet sich wohlige Wärme aus. Da steht ein Ehepaar auf der Bühne, hängt gemeinsam die Wäsche ab und faltet sie. So, wie ich es seit Jahren nicht mehr gesehen habe. So, wie ich es in meiner Kindheit immer gesehen habe.
Vor dem Bügeln nimmt jeder eine Seite der Wäsche und zieht daran, voller Kraft. Nicht ruckartig, sachte, aber kraftvoll. Mit seinem ganzen Gewicht lehnt sich jeder zurück, in der Gewissheit, der andere tut es auch und streckt so Handtücher – oder wie bei uns früher Tischdecken.

Diese langen, weißen Tischdecken, die an Feiertagen auf die große Tafel kamen. Wenn gut und gerne 20 Personen Platz finden mussten. Und bevor diese langen, gerade frisch gewaschenen Tischdecken durch die Heißmangel gezogen wurden (ich habe dieses Gerät geliebt), rief meine Mutter meinen Vater. Zum Decken strecken. Sie standen sich gegenüber, und so wie tagsüber im Geschäft, war auch hier jeder Handgriff der beiden aufeinander abgestimmt. Einmal längs falten, ziehen. Kräftig, aber sachte. Wie oft habe ich daneben gestanden und geschaut, ob einer den anderen vielleicht fallen lässt, zu früh nachgibt. Wie oft hat einer von beiden nur einen Moment die Spannung ausgesetzt, um den anderen kurz einknicken zu lassen, aber sich dann wieder zurückgelehnt, um den anderen nie umfallen zu lassen. Wie oft haben wir drei dann da gestanden und uns kaputt gelacht. Und dann durfte ich auch ziehen, schauen, ob ich stärker bin als die beiden. Jedes Mal erleichtert, festzustellen, sie fangen mich immer auf. Dann ging man aufeinander zu, bis das gute, glatte Wäschestück zusammengefaltet werden konnte. Wie jetzt eben in dem Theaterstück.

Einen kurzen Moment war ich wieder 4. Und hatte eine Kloß im Hals, weil ich wusste, dass diese Zeit doch unwiederbringlich vorbei ist. Aber dann musste ich den Rest des Nachmittags lächeln.

Und wenn der Jüngste groß ist, dann hoffe ich, sitzt er irgendwann einmal in einem Theaterstück und zuckt kurz zusammen, weil ihn eine Szene, eine Mimik, ein Bühnenbild daran erinnert, wie er einmal aufgeregt auf dem Schoß seiner Mutter saß, sie umarmte und sie glücklich zusammen über die neu gefundene Leichtigkeit der Frau Meier lächelten.

Du

Die Hände voller Gepäck, die Kamera irgendwo, nur nicht griffbereit. Umso mehr hat es sich eingeprägt, dieses Bild von dir, das jetzt stellvertretend für den ganzen Urlaub in meinem Kopf ist. Ein Bild, dass so typisch für dich ist, das zu dir passt, wie kein anderes. 

Es ist dieser kurze Augenblick. Wir sind gerade angekommen am Hafen. Es riecht nach Meer und Watt. Der Wind weht Sand und Salz auf unsere Haut. Und während wir Erwachsenen das Gepäck ausladen und für die Fähre aufgeben, Tickets kaufen und den Wagen zum Parkplatz bringen, setzt du dich in den Sand. Ich sehe, wie dein Bruder begeistert das Piratenschiff erobert, während du dich einfach in den Sand legst. Du lässt ihn durch deine Hände rieseln, immer und immer wieder. Du riechst an ihm, konzentrierst dich ganz darauf, das Gefühl dieses Sandes aufzunehmen.

„Das ist Strand-Sand, Mama, nicht wie auf den Spielplätzen sonst. Ganz fein, er riecht nach Meer und Muscheln. Das ist Urlaub.“ Du bist ganz versunken in diesem Moment, strahlst so glücklich, dass ich kurz glaube, du hättest sogar Tränen im Auge. 

Da sitzt du, mein feinfühliger, sensibler Sohn. Und mir wird wieder einmal bewusst, wie schwer sie manchmal auf dir lastet, die Welt mit ihrem Alltag. Du nimmst alles so intensiv auf, kleinste Schwingungen von Stress und Druck nimmst du wahr. Du nimmst vieles so ernst, vieles macht dir Angst, du sorgst dich um uns alle.

Und da das ja nicht jeder gleich mitkriegen soll, hast du deine eigene Schutzrüstung. Du gibst gerne mal den Clown. Alberst rum, tobst wild und laut. So intensiv, wie du fühlst, so reagierst du dann auch schon mal nach außen. Ob nun ängstlich, liebevoll, wütend. Du bist es in diesem Moment ganz und gar.

Das macht es für die Menschen um dich herum manchmal schwierig. Du musst die Dinge zu fassen bekommen, um sie zu verstehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es hat mich einige Zeit und Nerven gekostet, das zu verstehen: Du musst Dinge, wenn es irgend geht, anfassen. Wenn dir das Geschehen um dich herum  zu viel wird, im positiven wie im negativen, dann drehst du auf, wirst noch ein bisschen wilder, manchmal überdreht. Oft hilft es, dich in den Arm zu nehmen oder auch, dir die Hand zu reichen. Nur, wenn ich selber gerade wütend oder überfordert bin, ist das nicht immer einfach. Ich brauche dann Zeit zum Atmen und muss gleichzeitig schauen, dass du diesen Moment nicht als Ablehnung verstehst.

Freunde sind für dich unheimlich wichtig. Hast du jemanden zu deinem Freund auserkoren, kann er sich deiner Treue sicher sein. Umso mehr schmerzt es dich, hintergangen oder ausgegrenzt zu werden. Und ich überlege schon jetzt manchmal, wie und ob ich irgendwann einmal deinen ersten großen Liebeskummer auffangen kann.

Du hast dir mich von Anfang an ausgesucht als deinen Haupt-Gegenpol. Als deinen Ruhepunkt, deinen Spiegel, deinen Rückzugsmensch. Du kommst zu mir, wenn du dich anlehnen willst und musst, Halt brauchst. Du schreist mir deine Wut über all die Ungerechtigkeiten des Alltags entgegen, du provozierst mich, weil du mir vertraust. Ich kann nicht immer so reagieren, wie du es brauchst, wie es richtig und bedacht wäre. Weil auch ich mal ungeduldig bin, mir manches zu viel, zu laut, zu wild wird. Aber ich versuche es, immer wieder neu. Ich sehe dich. Deine Angst, deine Nöte, deine Verwundbarkeit.

Du verlangst viel von dir. Auch hier würde ich dir gern etwas Last nehmen. Du möchtest nicht nur gut sein, sondern sehr gut. Deine Ansprüche an dich sind hoch und du zweifelst viel zu sehr an dir.

Du bist du. Und das ist schön. Du bist ein toller Bruder, Enkel, Neffe, Cousin, Freund. Vor allem aber bist du ein ganz toller Sohn.

Du bist wunderbar. Das solltest du wissen.

Und weil er so gut in die Reihe passt, ist der Brief nun auch Teil der  ‚Liebesbriefparade‘  des Blogs Verflixter Alltag. Weil wir uns doch viel öfter sagen sollten, was wir aneinander haben.

Auf ein frohes Neues

Einmal im Jahr werden viele Freunde und Bekannte um mich herum gleichzeitig melancholisch. An Silvester, kurz bevor man sich freudig ein gutes neues Jahr wünscht, wird zurückgeblickt. Und nach vorne geschaut. Wie war das vergangene Jahr? Was wird das neue Jahr bringen? Stehen Veränderungen an?

Als Kind habe ich das nie verstanden. Das Vergangene war ja nun eh vorbei, ein neues Jahr begann und Silvester war einer von vielen schönen, aufregenden Feiertagen. Und dann ging das Jahr weiter, wie es vorher war: Ferien vorbei, ab in die Schule. Gleiche Klasse, gleiche Lehrer, gleiche Freunde. Nur die neue Jahreszahl beim Datum musste man ein bisschen üben.

Seit der Große in der Schule ist, erlebe ich es wieder so. Die großen Schritte machen wir hier nicht zum Jahresende. Der aufregende, manchmal Bauchgrummel, manchmal Vorfreude hervorrufende Neubeginn des Jahres liegt bei uns im August.

So endet auch dieser Monat und ist zugleich für uns ein Startblock für ein neues Jahr. Wir schauen nochmal auf den Sommerurlaub zurück, basteln mit den mitgebrachten Muscheln, erinnern uns beim Anblick der Fotos an neu gewonnene Freunde und Nordseewellen, die über unsere Köpfe hinwegrollten.

Gleichzeitig blicken wir nach vorn und machen Pläne. Der Große wartet gespannt auf seinen neuen Stundenplan. „Habe ich im ersten Halbjahr schon Schwimmunterricht?“ Schließlich hat er extra in den Ferien sein Bronzeabzeichen gemacht. „Was ist eigentlich Kommunion?“ ist eine weitere, ausgiebig besprochene Frage. Denn die steht im nächsten Frühjahr auf dem Plan und „ein Fest nur für mich, mit der ganzen Familie?“, das freut ihn schon sehr. Dann geht die Fußballsaison wieder los, diesmal eine Altersklasse höher. Für die Mannschaft gelten jetzt andere Regeln, es wird mit Schiedsrichtern gespielt…irgendwie schon fast wie die Großen. Und dann ist Papa auch noch der neue Trainer. Also auch eine neue Zeit für den Vater, mit vielen Vater-Sohn-Momenten.

Der Kleine startet nicht minder aufgeregt. Er zählt noch die Wochen, dann bald die Tage. Denn in diesem Herbst wird er 6, eine magische Zahl für ihn. Mit 6 ist man ja quasi schon groß, ’ne? Zumindest steht dann im nächsten Jahr die Einschulung bevor, und das ist ja nun definitiv ein großer Einschnitt. Mit diesem August ist er ein Vorschulkind, ein Rang von höchster Bedeutung. Er bietet Privilegien, viele besondere Ausflüge, einmal die Woche Vorschule. „Und ich bin ein Vorbild. Wir müssen uns mit um die Kleinen kümmern, die noch nicht alles kennen oder wissen, was man hier alles spielen kann.“ Sehr wichtig. Schule anschauen, anmelden, Schulranzen aussuchen, Tüte basteln, Bücher neu entdecken, all das startet jetzt. Und Fußballspielen wie sein großer Bruder möchte er auch. Ooohhh…

So viele Meilensteine, die warten, da könnte man doch glatt mit einem Glas Sekt anstoßen, oder? Auf ein gutes, frohes neues Familienjahr oder so. Prost!