Zwei Hände sind nicht genug

Zwei Kinder, das ist doch ideal. Ein Geschwisterchen zum Spielen, zum Knuddeln, dem man als großer Bruder zur Seite stehen kann. Ja, genauso hatten wir uns das vorgestellt. Für uns stand immer fest, wenn Kinder, dann möchten wir zwei.

Ich bin auch immer noch davon überzeugt, dass es für uns genau die richtige Entscheidung war und ist. Dass es beiden Jungen gut tut, einen Bruder zu haben. Es gibt oft genug Momente, in denen man genau spürt, wie wichtig sie füreinander sind. Wenn der Große dem Kleinen das ABC erklärt, wenn der Kleine als erstes dem Großen erzählen muss, dass er in der Kita ein Tor gemacht hat. Natürlich geraten sie sich auch in die Haare. Oft. Manchmal hat man das Gefühl, sie tun es ständig. Aber auch das gehört dazu. Und mittlerweile sind sie einander auch kräftemäßig recht ebenbürtig, dann greift man nicht oder erst spät ein.

Völlig unterschätzt haben wir aber, wie wir zwei Kinder unter einen Hut bringen. Zwei eigenständige Köpfe, um nicht zu sagen, durchaus zwei Dickköpfe, die wissen, was sie wollen. Oder eben, was auch nicht.

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In unserer meiner Vorstellung sah es immer so aus: Wochenende, ein Elternpaar macht mit seinen zwei entspannten Kindern einen wunderbaren Ausflug, viel Lachen, pure Harmonie, alle sind glücklich. Und außerdem galt für mich immer: ich hab zwei Hände, das passt doch mit zwei Kindern.

Gut, Alltag ist anders, ist schon klar. Das war ja auch nur das Traum-Ideal. Dennoch habe ich die Realität unterschätzt. Es sind Phasen, die vergehen. Das gilt für vieles in der Kinderentwicklung und beim zweiten wartet man vieles dementsprechend noch ab, während man beim ersten noch die Ursache suchte. Aber derzeit haben wir eine Phase, die uns die gemeinsamen Wochenende oft echt zur Qual macht.

Also, Ideal: Ich freue mich (immer wieder aufs Neue) auf das gemeinsame Frühstück, ein bisschen Spielen mit den Kindern, ein bisschen Spielen der Kinder miteinander, gemeinsame Erlebnisse.

Die Realität beim gemeinsamen Frühstück am Wochenende sieht dann so aus:

„Was machen wir heute, mir ist langweilig“, klagt der Große. „Ich will nicht raus. Ich will hier spielen“, beginnt der Kleine zu kreischen. „Fahrradtour.“ „Zuhause bleiben. „Raus.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein“…

Manege frei für zwei Kampfhähne. Der Große braucht Bewegung, am liebsten 12 Stunden täglich mit dem Ball. Der Kleine möchte nach der Kita-Woche einfach nur Ruhe, ungestört mit seinem Spielzeug spielen, vielleicht mal in den Garten. Zwischen ihnen liegen nicht nur 2,5 Jahre, sondern eben auch völlig unterschiedliche Bedürfnisse.

Deshalb sehen unsere Wochenenden derzeit dann gerne auch mal so aus: Papa geht mit dem Großen kicken, Mama spielt mit dem Kleinen ‚Tempo, kleine Schnecke‘. Oder Papa baut mit dem Kleinen ein Lego-Haus, während Mama mit dem Großen eine Radtour macht.

Es gibt Schlimmeres, klar. Aber es nervt. Und kostet auch enorm Kraft. Weil wir momentan oft das Gefühl haben, nicht mehr als Familie etwas machen zu können. Und wenn, nur mit größter Überzeugungskraft, viel gutem Zureden, lautem Geheule und Geschimpfe. Weil ich eben auch gern mal mit dem Mann und den Kindern etwas machen möchte.

Dazu kommt die Eifersucht des Großen, die er erst in den letzten Jahren stärker entwickelte. Die Angst zu kurz zu kommen, während ich eher das Gefühl habe, der Kleine steckt mehr zurück. Weil er es immer schon so kennt, dass da noch jemand ist. Und da ich nicht will, dass einer von beiden das Gefühl hat, zu kurz zu kommen, schaue ich, dass ich für beide immer auch Exklusivzeiten einrichte. Denn gegen besseren Wissens läuft in meinem inneren Kino doch immer wieder mal der eine Film: Und täglich grüßt das schlechte Gewissen.

Wer zu kurz kommt, ist dann das Elternpaar, das man ja auch noch ist. Und/oder man selbst.

Wenn die Kinder dann abends friedlich schlafen, dann träume ich: Von einem Urlaub am Meer zu Viert. In voller Harmonie. Mit ganz vielen gemeinsamen Familienerlebnissen. Ist ja noch ein bisschen Zeit bis zum Sommer. Denn das ist nur eine Phase. Das wird schon, oder? ODER?

3 Gedanken zu „Zwei Hände sind nicht genug

  1. Oh ja, vieles davon kenne ich nur zu gut und empfinde es auch als enorm belastend. Obwohl sich meine Kinder lieben und sehr aufeinander fixiert sind (was auch oft Lautstärke und Unruhe mit sich bringt), finde ich es auch sehr schwierig, die unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Meine sind 26 Monate auseinander und haben sehr unterschiedliche Charaktere. Der Große mag lieber zuhause spielen, immer muss ein Erwachsener mitspielen, die Kleine mag gern Action, rausgehen, Ausflüge etc. Sie ist immer sofort an der Tür, wenn wir losgehen wollen, während der Große hundertmal angebettelt und motiviert werden muss, sich doch fertigzumachen. Oft sind wir schon total genervt, bevor wir das Haus überhaupt verlassen haben. Und das sind nur 2 Kinder. Der Große will am liebsten immer Exklusivbetreuung, was ich ungerecht finde, weil er als der Ältere sich eigentlich schon alleine beschäftigen müsste. Die Kleine ist etwas genügsamer, fordert uns aber auch lautstark ein. Ich hatte auch früher gedacht, dass es reicht, wenn sich immer 1 Erwachsener um beide Kinder kümmert. Das klappt bei uns in der Wohnung nur ganz selten. Das nervt mich total. Ich möchte den Kindern auch gern Exklusivzeiten geben, ja, aber es wäre eben schön, wenn man sie viel öfter unter einen Hut kriegen könnte. Dass das so schwer ist, hab ich total unterschätzt. Und wie Du schreibst, es kostet Kraft, weil für beide Elternteile nicht viel übrig bleibt. Meine sind nun dazu noch unterschiedlichen Geschlechts, d.h. es wird wahrscheinlich noch schwerer, je älter sie werden;) Oje…
    Ich glaube oder hoffe, es wird erst einfacher, wenn sie eigene Freunde haben und mit denen was unternehmen. Bis dahin heißt es durchhalten.
    Wünsche Dir und mir viel Kraft!
    Liebe Grüße!

  2. Bei uns fast identisch. Actionman und Relaxinggirl. Machen fast immer Unternehmungen getrennt, damit sich niemand die Köpfe einschlägt

  3. Danke für diese beruhigenden Worte – es tut gut zu lesen, dass dies nicht nur ein Thema ist, welches mich tagtäglich und manchmal mit dem gleichzeitigen Augenaufschlag der Kinder am Morgen bis zum Einschlafen (mit kurzen Pausen 😝) begleitet. Aber so sehr die Mäuse sich heute zanken und abgrundtief gemein finden – genauso sehr werden sie im besten Fall irgendwann eine tiefe Verbundenheit miteinander empfinden und gemeinsam darüber schmunzeln bei den Erzählungen darüber, wie Mama nervlich am Ende in ein Kissen schreien musste oder Papa nicht selten vom Anblick seiner Liebsten empfangen wurde, wenn er von der Arbeit kam, als habe seine Frau den gesamten Tag auf einem Laufband in der Wüste verbracht … hat zwar keiner gesagt, dass das alles leicht wird. Wie es dann letztlich aber tatsächlich ist, kann man auch nicht beschreiben- man muss es erlebt haben 😉… Dennoch kann auch ich schon jetzt im Nachhinein oft darüber schmunzeln und weiß ja… Es ist nur eine Phase …

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