Erwartungen

Eislaufmutter. Sagt heute keiner mehr. Können Jüngere wahrscheinlich gar nichts mit anfangen. In den 80er Jahren wusste jeder, was gemeint war, wenn man davon sprach. Eislaufmutter. Eine Mutter, die ihr Kind pusht, Erwartungen von sich auf den Nachwuchs überträgt, ehrgeizig, mit dem Kind erreichen möchte, was sie selbst nicht geschafft hat.

Für mein Eltern-Dasein hatte ich mir vorgenommen: Nicht überbehüten, Freiräume lassen, vor allem nicht eigene Erwartungen auf das Kind übertragen.

Als ich das erste Mal schwanger war, war ich einfach neugierig. Wer wächst da heran, wie wird er sein, was wird er mögen, gerne machen, wie wird er sich entwickeln. Ich wollte ihm völlig erwartungsfrei gegenüber treten. Für immer. Dachte ich so naiv. Nur eines wünschte ich mir für meinen Sohn. Dass er ein glückliches Kind wird/ist.

Und da war sie schon, die erste Erwartung. Was ist Glück? Wann ist man glücklich? Kann man einfach von sich aus glücklich sein? Im Nachhinein denke ich manchmal, puh, ganz schöne Bürde, die ich ihm da mit meinem Wunsch auferlegt habe. Denn wer ist schon immer glücklich? Zum Glücklichsein gehört auch traurig sein. Es gehört dazu, sich selbst auszuprobieren, zu scheitern, neu Anlauf zu nehmen, Fehler zu machen, sie zu akzeptieren und anzunehmen. Zu lernen, gegen Wände zu laufen, darüber zu lachen, über sich lachen, aber auch auf sich wütend sein und auch auf die Welt um sich herum. Es gehört dazu, den eigenen Weg zu finden.

Und dann stehe da auch ich noch herum. Mal als hilfreicher Wegweiser, mal als
Blitzableiter, mal einfach nur als zusätzliche Hürde. Das Schwierigste
an all diesen Aufgaben ist es, erwartungsfrei zu sein. Ich gebe zu: Ich
kann es nicht immer.

Ich habe nicht die Erwartung, dass mein Kind einen bestimmten Notenschnitt erreichen muss. Dass mein Kind auf ein Gymnasium muss. Dass es eine bestimmte Karriere machen soll. Aber ich habe Erwartungen. Immer wieder, mal unbewusst, mal ganz deutlich. Oft welche, die für ein Grundschulkind vielleicht einfach zu viel sind. Und obwohl ich das weiß, kann ich sie nicht ganz los lassen. Ich sehe den Druck, den das Kind sich selber macht. Dass es sich immer mit den Besten misst. Und selbst wenn es in einem Bereich – ob nun Schule oder Hobby – zu den Guten gehört, macht es sich selbst oft schlecht. Oder verweigert sich total, denn wenn es nicht ganz vorne sein kann, dann kann es das ja auch ganz lassen. Ich sehe, wie es sich selber manchmal den Weg schwer macht, sich Steine in den selbigen legt. Dann kommen sie hoch, die Erwartungen: Du kannst so viel, warum siehst du das nicht? Warum bist du wütend, kannst es nicht einfach noch einmal probieren?Wieso Faxen und Clownereien, das hilft doch nicht weiter? Nimm doch an, was ich dir erkläre/ rate.

Und dann verzweifle ich fast daran, zusehen zu müssen, wie das eigene Kind gegen Wände rennt. Sich Dellen und Beulen holt. Versuche ich einzugreifen, gegenzulenken, wird es nur schlimmer. Dann bricht das Gewitter los. Schlimmstenfalls in einem Moment, in dem ich mich gerade überhaupt nicht als Blitzableiter eigne. Sondern eher einem Vulkan gleiche, dem der letzte Funke zum Ausbruch nur noch fehlte.

Ich übe das Zuschauen. Wirklich. Das gegen Wände laufen lassen, ungebremst. Ich stehe dann da. Mit einem Kühlpad, einem Pflaster und bereit, in den Arm
zu nehmen, zu trösten. Manchmal muss der Vulkan dafür auch erst etwas abkühlen, aber das tut er, immer.

Ich sehe, wie das andere Kind dann oft versucht, erst Recht Erwartungen zu
erfüllen. Es sieht die Zusammenstöße, die Wut, Enttäuschung, das Traurig sein. Und bemüht sich dann, genau diese Hürden zu umgehen. „Ich mache das dann so wie du gesagt hast…“ ist so ein Satz, der mich hier aufschrecken lässt (man kann es mir auch nicht Recht machen!).

Denn beim zweiten Kind hatte ich schon einen anderen Wunsch, schon wieder eine Erwartung. Nachdem ich in der Schwangerschaft erste Reaktionen wie „Oh, noch ein Junge. Praktisch, dann kennt man ja schon alles“ zu hören bekam, habe ich mir für ihn gewünscht: Sei du. Gehe deinen Weg, ohne dich zu vergleichen oder zu messen.

Auch das ist nicht immer einfach mit einem großen Bruder, der vieles eben schon kann. Irgendwie geht es auf die Bäume rauf, auch wenn man allein nicht mehr runter kann. Abends schaut das Kind sich so lange Bücher an, bis aus den Buchstaben Wörter werden, damit es lesen kann, wie der Große auch. Und ein Strich über dem Rand im Malbuch führt zu Tränen, weil der große Bruder eben schon so schön und fehlerlos malt.

Auch hier hilft nur: Daneben stehen, zeigen, dass ich immer da bin, aber machen lassen. Immer mal wieder erwähnen: Du bist du.

Ungerechterweiser fällt mir das leichter als das Zuschauen, wie jemand es sich selber schwer macht, wie er manchmal nicht nur gegen den Rest der Welt, sondern gegen sich selbst kämpft.

Und dann überraschen sie mich. Jeder auf seine Art. Der eine zum Beispiel, der mir plötzlich erzählt, dass er ein Ziel erreicht hat. Obwohl er mir Wochen lang immer wieder alle Brocken vor die Füße geworfen hat, immer wieder betonte, das wäre der größte Mist, nie würde er es schaffen, nie wieder je versuchen. Oder der andere, der mir beispielsweise einfach sagt: Nein, ich möchte das doch nicht ausprobieren. Ich weiß, dass das mir nicht gefallen wird, ich bin da anders als der Große.

Ich habe Erwartungen. An beide Kinder. Dazu kommen Erwartungen, Aufgaben, Pflichten von außen – Schule, Kita, Freunde, Vereine – , mit denen die Kinder lernen müssen, umzugehen. Ich habe Erwartungen und Hoffnungen, aber es sind meine. Das weiß ich, muss ich mir dennoch immer wieder klar machen. Die Kinder gehen ihren Weg. Auch wenn sie sich dabei immer wieder den Kopf stoßen, oder umschauen, wie es andere machen. Auch wenn ich mir dabei immer wieder Sorgen mache oder Zukunftsängste habe. Alles wird gut. Erwartungen sind okay. Hauptsache das Vertrauen in die Kinder ist größer.

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