Zwei Hände sind nicht genug

Zwei Kinder, das ist doch ideal. Ein Geschwisterchen zum Spielen, zum Knuddeln, dem man als großer Bruder zur Seite stehen kann. Ja, genauso hatten wir uns das vorgestellt. Für uns stand immer fest, wenn Kinder, dann möchten wir zwei.

Ich bin auch immer noch davon überzeugt, dass es für uns genau die richtige Entscheidung war und ist. Dass es beiden Jungen gut tut, einen Bruder zu haben. Es gibt oft genug Momente, in denen man genau spürt, wie wichtig sie füreinander sind. Wenn der Große dem Kleinen das ABC erklärt, wenn der Kleine als erstes dem Großen erzählen muss, dass er in der Kita ein Tor gemacht hat. Natürlich geraten sie sich auch in die Haare. Oft. Manchmal hat man das Gefühl, sie tun es ständig. Aber auch das gehört dazu. Und mittlerweile sind sie einander auch kräftemäßig recht ebenbürtig, dann greift man nicht oder erst spät ein.

Völlig unterschätzt haben wir aber, wie wir zwei Kinder unter einen Hut bringen. Zwei eigenständige Köpfe, um nicht zu sagen, durchaus zwei Dickköpfe, die wissen, was sie wollen. Oder eben, was auch nicht.

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In unserer meiner Vorstellung sah es immer so aus: Wochenende, ein Elternpaar macht mit seinen zwei entspannten Kindern einen wunderbaren Ausflug, viel Lachen, pure Harmonie, alle sind glücklich. Und außerdem galt für mich immer: ich hab zwei Hände, das passt doch mit zwei Kindern.

Gut, Alltag ist anders, ist schon klar. Das war ja auch nur das Traum-Ideal. Dennoch habe ich die Realität unterschätzt. Es sind Phasen, die vergehen. Das gilt für vieles in der Kinderentwicklung und beim zweiten wartet man vieles dementsprechend noch ab, während man beim ersten noch die Ursache suchte. Aber derzeit haben wir eine Phase, die uns die gemeinsamen Wochenende oft echt zur Qual macht.

Also, Ideal: Ich freue mich (immer wieder aufs Neue) auf das gemeinsame Frühstück, ein bisschen Spielen mit den Kindern, ein bisschen Spielen der Kinder miteinander, gemeinsame Erlebnisse.

Die Realität beim gemeinsamen Frühstück am Wochenende sieht dann so aus:

„Was machen wir heute, mir ist langweilig“, klagt der Große. „Ich will nicht raus. Ich will hier spielen“, beginnt der Kleine zu kreischen. „Fahrradtour.“ „Zuhause bleiben. „Raus.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein“…

Manege frei für zwei Kampfhähne. Der Große braucht Bewegung, am liebsten 12 Stunden täglich mit dem Ball. Der Kleine möchte nach der Kita-Woche einfach nur Ruhe, ungestört mit seinem Spielzeug spielen, vielleicht mal in den Garten. Zwischen ihnen liegen nicht nur 2,5 Jahre, sondern eben auch völlig unterschiedliche Bedürfnisse.

Deshalb sehen unsere Wochenenden derzeit dann gerne auch mal so aus: Papa geht mit dem Großen kicken, Mama spielt mit dem Kleinen ‚Tempo, kleine Schnecke‘. Oder Papa baut mit dem Kleinen ein Lego-Haus, während Mama mit dem Großen eine Radtour macht.

Es gibt Schlimmeres, klar. Aber es nervt. Und kostet auch enorm Kraft. Weil wir momentan oft das Gefühl haben, nicht mehr als Familie etwas machen zu können. Und wenn, nur mit größter Überzeugungskraft, viel gutem Zureden, lautem Geheule und Geschimpfe. Weil ich eben auch gern mal mit dem Mann und den Kindern etwas machen möchte.

Dazu kommt die Eifersucht des Großen, die er erst in den letzten Jahren stärker entwickelte. Die Angst zu kurz zu kommen, während ich eher das Gefühl habe, der Kleine steckt mehr zurück. Weil er es immer schon so kennt, dass da noch jemand ist. Und da ich nicht will, dass einer von beiden das Gefühl hat, zu kurz zu kommen, schaue ich, dass ich für beide immer auch Exklusivzeiten einrichte. Denn gegen besseren Wissens läuft in meinem inneren Kino doch immer wieder mal der eine Film: Und täglich grüßt das schlechte Gewissen.

Wer zu kurz kommt, ist dann das Elternpaar, das man ja auch noch ist. Und/oder man selbst.

Wenn die Kinder dann abends friedlich schlafen, dann träume ich: Von einem Urlaub am Meer zu Viert. In voller Harmonie. Mit ganz vielen gemeinsamen Familienerlebnissen. Ist ja noch ein bisschen Zeit bis zum Sommer. Denn das ist nur eine Phase. Das wird schon, oder? ODER?

Ménage-à-trois oder auch: Gratulation

Er lacht über die gleichen Sachen. Freche Bemerkungen kann er kontern. Er sieht gut aus. Er lächelt mit den Augen.

HALT!

Spätestens hier sollte man vorbereitet, frühzeitig von den Eltern aufgeklärt worden sein. Bevor sich die berühmten Schmetterlinge in den Innereien einnisten, sollte jeder – geben Sie das ihren Kindern mit – dem potenziellen Partner möglichst noch in der Stunde des Kennenlernens zwei Fragen stellen:

1. Bist du Fußballfan?

2. Wenn ja, welcher Verein?

Wird Frage 1 mit „Ja“ beantwortet, sollte man sich der Konsequenzen bewusst sein. Wochenenden sind zum größten Teil verplant. Entweder derjenige steht auf dem Platz, weil er spielt. Oder er schaut zu. Wenn die beste Freundin mit dem Tennispartner also fragt, ob man sich am Samstagnachmittag nicht zu Viert zum Grillen treffen möchte, wird man die nächsten Jahre/Jahrzente antworten: Gern, so ab 17.15 Uhr? Und möchte man mal tanzen gehen, zwickt bei aktiven Ballkünstlern ggf. der Meniskus oder irgendein Band.

Hat er auf Frage 2 eine Antwort parat, fiebert er seit ewigen Zeiten für einen speziellen Verein mit, ist besondere Vorsicht geboten. Man muss sich dann klar machen: Ich werde nie die einzige sein.

Der Verein ist die Liebe, die meist zuerst da war. Und schlimmstenfalls vielleicht auch länger bleibt als man selbst. Also entweder man arrangiert sich mit dieser Geliebten, die so ganz andere Vorzüge hat als man selbst. Oder man flüchtet nach Beantwortung der Fragen flux durch eine Hintertür.

Lässt man sich aber drauf ein, sollte man sich der vollen Tragweite der Entscheidung bewusst sein.
Beim Zusammenziehen ist die Möbelauswahl das geringste Problem. Vielmehr wird die Diskussion geführt, wie viel – in unserem Falle – rot-weiß in die Wohnung darf. Und in welche Ecken. Klare Abmachungen sind wichtig: Ein Schal und ein Mannschaftsposter im Arbeitszimmer, aber hinter meinem Rücken platziert! Niemals Bayern-Bettwäsche im gemeinsamen Bett!

Der Terminkalender wird vom Fußball bestimmt sein. Und damit meine ich nicht nur, oh ein Samstagabendspiel – gehen wir also Sonntag ins Kino. Die Liebe zum Verein, hier also zum FCB, greift tiefer ins Leben. Man muss durch schwere Zeiten, indem man den Mann zu einem Spiel gegen die Mannschaft, mit der man aufwuchs, begleitet, was eine sehr schmerzhafte Erfahrung sein kann.
Man muss anders planen und organisieren. Heiraten, gerne – aber in der Sommerpause. Kinderkriegen bitte entweder in der Winterpause (K1) oder wie bei K2 in der Nacht auf einen Montag. So ist Frau und Nachwuchs volle Aufmerksamkeit gewiss.

Was viele aber vorher nicht berücksichtigen: Vereinsliebe ist vererbbar. Von wegen mit der Muttermilch aufgesogen. Ganz subtil im Schlaf eingepflanzt. Schlaf, Kindchen, schlaf. Und ist die Mutter aus dem Raum: Stern des Südens. Oder solche Angebote wie: Ruh‘ dich etwas aus, ich nehme den Kleinen so lange. Am Samstagnachmittag. Auf Papas Bauch schlummern, während der FCB guckt. Sieben Jahre später wird man sehen, was man davon hat. Ein Kind, dass sein Taschengeld auf dem Flohmarkt nicht für Spielzeug, sondern für einen FCB-Turnbeutel ausgibt. Das bittere Tränen weint, wenn sein Neuer-Glas kaputt geht und untröstlich ist, wenn der Verein unentschieden spielt. Kinder, die im Garten nicht nur Fußball spielen, sondern auch Meisterschaftsfeier. Dabei hintereinander herlaufen, um sich Apfelschorle über den Kopf zu schütten.

Noch legt der Kleine mir hin und wieder die Ärmchen um den Hals und flüstert: Mama, Fortuna ist auch ganz toll. Aber spätestens in zwei Jahren will er garantiert auch ein rotes Trikot. Vom FCB.

Das Schlimmste aber ist: Nach einer gewissen Zahl an Jahren merkt man die Unterwanderung der eigenen Einstellung. Nenn mir schnell zwei Fußballer, die du toll findest/fandest, fragen die Kinder. Und man hört sich antworten: Lizarazu und Brazzo. Man ertappt sich vorm Kaufhaus mit einer FCB-Bettwäsche in der Tüte – fürs Kind. Und trinkt plötzlich lieber ein bayrisches anstelle eines Alt-Biers.

So ist das mit diesen speziellen Geliebten. Lässt man sich auf diese Ménage-à-trois ein, dann kann es passieren, dass man sich so an sie gewöhnt hat, dass man sie irgendwann ein klitzekleines-mini-bisschen mag. Was ich aber nie laut sagen würde.

So, jetzt muss ich mit den Kindern Konfetti basteln. Wir haben eine Meisterschaftsfeier vorzubereiten. In diesem Sinne:

25. Meisterschaft – herzlichen Glückwunsch, FCB!

Das lästige Handgepäck

Ich packe meinen Koffer. Und die Tasche der Kinder. Die wiederum packen ihre Rucksäcke.

Vier Tage Holland im April, Mama und die Jungs und die Teenie-Nichte. Ich komme mir vor, als würden wir drei Wochen verreisen. Warme Pullis. Shirts. Sportschuhe. Badesachen. Gummistiefel. Dicke Jacken. Dünne Jacken. Jede Menge Gepäck eben.

Und dann ist da noch mein Handgepäck. Der Feind jeden Urlaubs. Die Tasche mit den Erwartungen. Zum Beispiel ausgelassene Kinder gehören dazu. Die begeistert toben, spielen, den ganzen Tag draußen sind und abends erschöpft und total müde unter der Bettdecke verschwinden. Jede Menge Spaß ist dabei. Auf Trampolinen hüpfen, Fußball spielen, durch den Wald laufen, Füße in den kalten See tauchen. Vla essen. Viel Lachen, herumalbern. Die Vorstellung trotzalledem auch ein bisschen Zeit für mich zu haben, in meinem Buch weiterzulesen. Durchzuatmen, aufzutanken.
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Ganz unten im Handgepäck sind dann noch die Befürchtungen. Streitende Kinder (davon hatten wir an Ostern ausreichend Kostproben). Strapazierte Nerven. Schlechtes Wetter. Nicht durchgeschlafene Nächte in fremder Umgebung. Unausgeglichen oder gar ungerecht sein.

So, und jetzt soll das ganze Gepäck ins Auto. Ein bisschen Verpflegung natürlich auch noch. Und selbstredend die Nichte samt ihren sieben Sachen.

Ich glaube, das Handgepäck muss jetzt einfach dem Platzmangel weichen. Erwartungen und Befürchtungen einfach zurücklassen? Ich könnte es ja mal versuchen. Los fahren und gucken was kommt. Klingt eigentlich ganz gut. Ich kann nichts versprechen, aber ich versuche es.

Wir sind dann mal weg.

Kreatives Chaos

Ordnung ist das halbe Leben, heißt es. Gut. Wir leben in der anderen Hälfte.

Sollte ich für mich typische Eigenschaften nennen, „ordentlich“ oder „ordnungsliebend“ wäre mir nie eingefallen. Man darf meinem Zuhause ansehen, dass ich darin lebe. Es ist kein Museum. Die Zeitung liegt so auf dem Tisch, dass man erkennt, dass sie intensiv gelesen wurde. Meine Tee- oder Kaffeetasse, je nach Gemütszustand, darf rumstehen. Sie sollte eh immer einsatzbereit sein.

Aber seit ich Kinder habe, merke ich, im Großen und Ganzen bin ich eigentlich gern ein aufgeräumter Mensch. Ich möchte meine Sachen so zusammenlegen, dass ich sie ohne langes Nachdenken finde. Die Armbanduhr auf meinem Nachttisch. Der Schlüssel am entsprechenden Bord. Die Büchereikarte an ihrem Platz.

Und dann betrete ich das Kinderzimmer.

Meine Kinder sind Sammler. Als Berufswunsch hat der Große mal „Sachensucher“ angegeben, wie Pipi Langstrumpf. Er sieht alles. Den Knopf auf der Straße, den Würfel an der Bushaltestelle, die Papageienfeder im Gebüsch. Und alles kann er gebrauchen. Der Kleine liebt Steine und Stöcke. Da die nicht alle im Haus Platz finden würden, liegt in der bepflanzten Parzelle vor der Haustür mittlerweile eine Stockfamilie.

Wir haben durchaus ein ausgeklügeltes Aufbewahrungssystem. Spezielle Schatzkisten für die Fundsachen. Eine Kiste für Lego, eine Kiste für Playmobil. Die großen Autos in einer weiteren. Die Bücher haben im Regal Platz. Puzzle und Spiele an anderer Stelle u.s.w.. Nur leider hält dieses System dem Spielverhalten der Jungs nicht stand.

Beispiel gefällig? Am Wochenende sahen wir zufällig die ersten Kirmeswagen anrollen. Bald ist am Rhein Osterkirmes, die Fahrgeschäfte wurden aufgebaut. Spannend. Wir haben ein bisschen zugeschaut. Und zuhause wurde gleich selbst eine Kirmes aufgebaut. In harter, akribischer Arbeit. Die Holzeisenbahn diente als Achterbahn. Ein mit Rettungsfolie überzogener Karton (Überbleibsel vom Ägypten-Geburtstag, der nicht weggeworfen werden darf) wurde – bestückt mit Schuhen und Plüschtieren – zum Autoscooter. Die Playmobilfiguren standen schon Schlange. Aus Lego wurde noch ein Kinderkarussell gebaut. Zum Entspannen hatte der Kleine noch eine Leseecke in die Kirmes integriert. Das ganze wird ausgiebig bespielt. Und muss natürlich stehen bleiben, bis der Papa es auch gesehen hat. Und gerne auch länger.

An guten Tagen sehe ich die Kreativität, den Ideenreichtum, die Leidenschaft, die Detailverliebtheit. Natürlich soll mühevoll aufgebautes nicht gleich weggeräumt werden. Aber. An schlechten Tagen trete ich aus Versehen auf ein Legobauwerk, weil man nirgendwo mehr stehen kann (Schmerzensschreie der Mutter werden abgelöst vom Weinen der jungen Bauherren). An schlechten Tage sehe ich nicht die liebevoll gebastelten Kirmesschilder, sondern die auf dem Boden liegenden Stifte und die Schere. Neben den übriggebliebenen Schnipseln. Dann frage ich mich, warum man alles ausschütten muss, nicht in den Mülleimer räumen kann und wer bitteschön auf die verrückte Idee kam, dass Playmobilfeuerwehrleute abziehbare Minihandschuhe tragen und dass selbst diese Minifuzzi-Visiere von den Helmen ablösbar sein müssen.

Dann frage ich mich, wo all meine Aufforderungen, Erklärungen, Bitten, Ermahnungen denn wohl hin verhallt sind. Bevor man ein neues Spiel aufbaut, räumt man das andere erst einmal weg. Pustekuchen. Erziehung ist Vorleben, heißt es so schön. Aber daran kann es nicht liegen, denn der Mann und ich räumen – vor allem seit wir Kinder haben – gerne auf. Wir haben auf unterschiedlichste Art probiert zu vermitteln: spielerisch, als Wettbewerb verpackt, mit Schimpfen und auch schon mal mit der blauen-Mülltüten-Androhung. Mal funktioniert es, meist verhallt es. Und dann gesteht man sich eben ein: hier bin ich wohl gescheitert, mit meinem Latein am Ende.

Das Interessante ist dann aber: wenn man den Kleinen in der Kita abholt, dann ruft er einem gerne zu: „Ich muss noch eben aufräumen“. Und wenn man mal in der Schulmensa zum Essen eingeladen wird, sieht man, wie der Große ohne jegliche Aufforderung den Tisch abräumt und anschließend noch abwischt.

Es geht eben doch. Nur nicht unbedingt zuhause. Oder anders als man denkt.

Als ich kürzlich dem Kleinen sagte, er solle jetzt doch endlich mal aufräumen, da war das Zimmer nach zehn Minuten blitzblank. Die Spielteppiche samt Spielzeug lagen ordentlich zusammengerollt in den Ecken. Da musste ich mir doch wieder eingestehen: Sie sind vielleicht nicht ordentlich, aber Ideen haben sie.

Ich versuche also mehr das Kreative zu sehen. Und wenn man in die Hocke geht, hat man manchmal einen anderen Blickwinkel. Dann hat das Chaos sogar irgendwie System. Meistens hilft auch: Atmen. Und die Frage: Wie ordentlich müssen Kinder sein?

So. Jetzt habe ich mir genug Mut angeschrieben. Jetzt wage ich mich ins Kinderzimmer. Ich erwarte ein Höchstmaß an Ideenreichtum. Eine große Beobachtungsgabe, gepaart mit detailverliebtem Nachspielen des Gesehenen. Gestern war in unserem Viertel Sperrmüll.

Dieser Blogbeitrag ist auf Anregung von @aluberlin und ihrer Blogparade #geschichtenvomscheitern entstanden.

Oma kommt!

Nur noch ein paar Tage, dann ist es soweit. Der Große schreibt schon einen Wunschzettel, der Kleine übt, was er vorsingen will. Nein, wir haben uns nicht mit dem Datum vertan. Wir warten nicht aufs Christkind. Wir warten auf Oma.

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Und die erfüllt Kinderwünsche. Solche, die nur Omas erfüllen können. Unbezahlbar eben.

An erster Stelle stehen kulinarische Wünsche. Falscher Hase, Milchreis, Stuten – das kann niemand so wie Oma. Der Große leckt sich schon jetzt den Mund.

An zweiter Stelle steht Quatsch. Wir machen hier schon ne Menge Quatsch, aber Oma-Quatsch ist anders. Beispiele gefällig?

Es ist gut 20 Jahre her. Oben war ein Giggeln zu hören, dann ein Knarren und – eindeutig ein Hüpfen auf dem Bett. Dabei hatte meine Schwester ihren Jungs doch gesagt, dass sie nicht auf den Betten herumhüpfen sollten. Also schnellen Schrittes hoch zum Kinderzimmer, Tür auf – und Sprachlosigkeit. Die Jungs saßen kichernd vorm Bett. Auf selbigem hüpfte, mit einem Laken über dem Kopf: die eigene Mutter. „Oma spielt Gespenst“.

Meine Neffen sind mittlerweile erwachsen, meine Schwester ist über die Sprachlosigkeit hinweg, meine Mutter ist älter. Mit 83 geht manches nur langsamer, mit Verschnaufpause. Aber ruhiger? Weniger Quatsch? Rollator hin, Gehstock her: Kinder müssen toben und die Oma mit ihnen. Einspruch zwecklos. „Ich bin die Oma, ich darf verwöhnen und Quatsch machen. Ätsch“, heißt es dann.

Das sieht dann ungefähr so aus, dass die Oma sich den Rollator packt, den Großen auf den Inline-Skatern zwischen sich und die Gehhilfe klemmt. Und dann üben sie, ja sie lesen richtig: Schwung holen! Und so ein Rollator kann flott werden…

Überhaupt, was man mit so einem Ding alles machen kann. Man kann noch mal Baby sein und sich den Spaziergang lang von Oma schieben lassen. Man kann damit aber auch Wettrennen gegen den Bruder auf dem Roller fahren. Anfeuerungsrufe der Oma inklusive. So ein Gehstock eignet sich prima als Schwert, glücklicherweise passt der Oma der Piratenhut. Lieber Cowboy? Klar, so ein Stock ist ein prima Steckenpferd, auf dem man durch die Wohnung hüpfen kann. Als 83-Jährige.

Fußball spielen, Stopptanz, Geschichten erzählen im Dunkeln, Oma macht alles mit. Hält die Mama die Luft an, weil der Große im Baum die 2-Meter-Marke knackt, dann applaudiert die Oma. Und weist erst nachher auf die lange Stacheldrahtzaun-Narbe an ihrem Bein hin, die von einem Baumsturz in Kindheitstagen stammt.

Vor allem aber: wenn Oma da ist, hat sie Zeit. Und die Jungs haben immer erst einmal Recht. Es gibt kein zu wild, zu laut, zu schnell, zu hoch. „Kinder müssen toben, laut sein, sich ausprobieren“, sagt sie dann. Sie weiß, wovon sie spricht. Nach vier eigenen Kindern, dazu oftmals noch vier Nichten und Neffen im Schlepptau, und später dann sieben Enkeln, kann man ihr eines keinesfalls nachsagen: Mangel an Erfahrung mit Kindern. Als ehemals berufstätige Mutter weiß sie um Pflichten und Aufgaben von uns Eltern, schaut mal mit kritischem, aber immer auch mit bewunderndem Blick auf unseren Alltag. Während sie ihn vollkommen auf den Kopf stellt.

Aber soll ich Ihnen was sagen? Sie darf das. Sie ist eben die Oma. Erziehen müssen die Eltern, Großeltern dürfen auch einfach nur verwöhnen. Die Kinder wissen da genau zu unterscheiden. Ich hätte immer gern Großeltern gehabt (einer der Nachteile des späten Nesthäkchen-Daseins), die man besuchen kann, die einem vielleicht Süßes schenken, was es zuhause nicht gibt. Vielleicht bin ich deswegen etwas nachsichtiger, wenn ich manchmal auch hart schlucken muss oder mein Blutdruck ein wenig steigt.

Doch dann seh ich den Wunschzettel vom Großen. Oder die leuchtenden Augen des Kleinen, der mit „Oma Konfetti“ Roller fahren will. Höre, wie sie sagen: Oma kommt! Als wäre sie das Christkind. Und freue mich einfach, dass sie ihre Oma so intensiv genießen können.

Junge oder Mädchen? Hauptsache Kind!

Als ich das zweite Mal schwanger, der Bauch erkennbar, eine anfängliche Komplikation überstanden war und wir uns einfach nur auf unser zweites KIND freuten, da wurde ich persönlich erstmals auf extreme Art mit den Jungen-Mädchen-Klischees konfrontiert.
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„Weißt du schon, was es wird? Noch ein Junge? Oh, das tut mir leid.“
„Ach, ihr wollt ja sicherlich noch ein drittes. Das wird dann bestimmt ein Mädchen!“

Wie bitte?

Ich hatte mich nicht verhört. Als ich das „tut-mir-leid-wie-schade“ ein zweites Mal hörte, war ich gewappnet. Schlagfertiger. „Wir bitten von Trauerbekundungen Abstand zu nehmen“, habe ich geantwortet. Nein, so sei das ja nicht gemeint gewesen, ich wäre da wohl etwas empfindlich (Hormone!). Aber Jungen seien nunmal eben sehr wild, laut, machten mehr Schmutz und Ärger, es gehe mehr kaputt. Und wenn sie erwachsen seien, dann würden sie sich nicht melden, kümmern würden sich ja immer nur die Töchter.

Als der Große zuletzt eine AG in der Schule wählen konnte, war er ein bisschen unschlüssig. „Ich würde das gern machen. Aber Jungen machen da nicht mit, oder?“ Es ging um die Töpfer- AG.

Seit wann ist das eigentlich (wieder) so, dass Mädchen niedlich, brav, sauber und das „schwache Geschlecht“ sind/sein sollen? Und Jungen sind laut, wild, dreckig, anstrengend, aber so werden sie eben zum „ganzen Kerl“? Kommt es mir nur so vor, oder wird die klassische Rollenzuteilung wieder stärker?

Als vor kurzem die Klassenfotos in der Schule des Großen gemacht wurden, habe ich sie mir genau angeschaut. In seiner Klasse haben alle Mädchen zumindest schulterlange Haare oder länger. Immerhin 2 von 9 trugen dunkelblau, der Rest rosa und/oder Kleid. Bei meinem Erstklässlerfoto von 1979 muss man dagegen schon ganz genau hinschauen, welches Kind ein Junge, welches ein Mädchen ist. Alle trugen Hosen und Rollis, blau, gelb, rot. Kein rosa. Und die meisten hatten geschlechtsneutral den gleichen Topf-Schnitt.

Heute ist alles genau unterteilt: Überraschungseier, Legosteine, Fahrrädchen. Jungs hellblau, Mädchen rosa (Lesenswert dazu: ich-mach-mir-die-welt.de). Jungs aufgeweckt, robust, wild und laut. Mädchen zurückhaltend, zart, leise bastelnd. Lässt sich prima vermarkten und es wird ja gekauft. Kinder werden früh, manchmal unbemerkt (und da schließe ich mich mit ein), in Klischees gepresst.

Wir haben zwei Kinder. Die völlig unterschiedlich sind. Der eine baut gerne und schlüpft in verschiedene Rollen. Der andere spielt versunken mit kleinen Figürchen. Der eine kann stundenlang filigrane Dinge basteln, für die meine Fingerfertigkeit und Geduld lange nicht ausreichen. Der andere malt und knetet ausgiebig. Beide toben, raufen und tollen wild herum. Beide lauschen ganz andächtig, wenn man ihnen Geschichten vorliest. Und ja, beides sind Jungen.

Mehr noch: ich glaube, auch wenn ich eine Tochter hätte, würde sie gern mit mir durch Pfützen hüpfen, Kissenschlachten machen, auf dem Sofa Trampolin springen. Ich würde ihr genauso Geschichten von Pippi Langstrumpf und Jim Knopf vorlesen. Das hat nichts mit Geschlecht, eher mit – nennen wir es eine Art Temperament – zu tun.

Und nein, ich sehe mich nicht als „Jungenmama“. Denn ich glaube im Umgang mit meinen Nichten war ich -was wild, laut, verrückt angeht – nicht anders, als jetzt gegenüber meinen Söhnen.

Rosa gehörte noch nie zu meinen Lieblingsfarben. Ich selbst habe mit Barbies gespielt, aber auch mit Lego. Das war damals allerdings noch unisex. Ich habe Hanni und Nanni gelesen. Aber auch fünf Freunde und die Drei ???. Meine Lieblingsfilmfigur war erst Luzie, der Schrecken der Straße. Später „Die rote Zora“. Ich war keine Pferdenärrin (im Gegensatz zu meinem Bruder, der begeisterter Reiter war), habe aber mit Leidenschaft Jazztanz gemacht. Und war wie mein Bruder Fortuna Düsseldorf-Fan.

Was ich damit sagen will, ist: Es sind Kinder. Sie sollen sich entfalten, ausprobieren, entdecken. In freien Bahnen, nicht nach rosa und hellblau unterteilt. Ihre Möglichkeiten ausschöpfen, für sich das Richtige finden. Ob es nun Fußball, Tanz, Musik oder Malerei ist. Sich nicht rechtfertigen müssen, dass sie etwas tun, obwohl sie doch Junge oder Mädchen sind. Nicht in Rollen gedrängt werden, die sie von vorneherein einschränken. Dabei geht es nicht um Gleichmacherei. Sondern um Vielfalt. Und um Selbstbewusstsein, denn das gehört heute dazu, wenn man seinen Weg gehen will.

Im Töpferkurs sind übrigens drei Jungen und neun Mädchen. Und es macht allen richtig Spaß.

Vorsicht, Hundescheiße

Braun bis tiefschwarz, gelblich, beige. Von ganz fest bis dünnflüssig. Man lernt viel, wenn man Kinder hat. Zum Beispiel auf vier Meter Entfernung einen Hunde- oder Katzenhaufen auf dem Gehweg zu identifizieren, um sogleich den Alarmmodus einzuschalten. Sirenengleich klingt es dann aus meinem Mund „Vorsicht, Hunde-Aa“, während meine Arme in den automatischen Zur-Seite-zieh- und nach vorne-weg-drück-Greifmodus übergehen. Unglücklicherweise bewegen sich Kinder aber oftmals laufend, hüpfend, sprintend vorwärts, so dass selbst der ausfahrbare Muttergreifarm nicht ausreicht, um das Kind vor dem Unvermeintlichen zu retten. Dem Sprung in die Hundescheiße.

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Meine Jungs sind zudem begeisterte Kletterer. Das ist eigentlich das ideale Mittel gegen Vierbeinerscheiße, denn bisher haben wir in Bäumen auf zwei Meter Höhe noch keinen Haufen entdeckt.

Ein Problem allerdings ist es, sicheren Weges, also Hundetretminenfrei, auf einen solchen Baum zu gelangen. Als bestes Mittel hat sich bisher das Detektivspiel bewährt. Man drückt den Kindern eine Lupe in die Hand und erklärt ihnen, wie sie sich langsam an einen Baum heranschleichen und nach Spuren des Hundes von Baskerville Ausschau halten sollen.

Besonders gefährdet sind Kinder, die gutes, festes Schuhwerk tragen. Denn das hat pro Kinderfuß mindestens 37 Rillen, aus denen man die tierischen Verdauungsreste rauspuhlen muss. Und bei all den unzähligen Ratgebern für werdende oder bestehende Eltern, verstehe ich nicht, warum es dazu noch keine Literatur á la „Jedes Kind kann Hundehaufen umlaufen lernen“ oder „111 Tricks, wie sie Hundescheiße rückstandslos aus Kinderschuhen bekommen“ gibt. Das könnten Bestseller werden.

Besonders wirkungsvoll ist es, den Kindern vorzuführen, wie man nicht in Hundescheiße tritt. Zum Beispiel, wenn man neben einem Baum samt Bepflanzung geparkt hat und genau in letzter Schrittlänge vor der Beifahrertür eine eben solche tierische Hinterlassenschaft liegt. Sie öffnen dann möglichst elegant über den Hundehaufen gestreckt die Beifahrertür, drücken dabei mit der anderen Hand ein paar Zweige eines Rosenstrauches, der als Haufensichtschutz an den Baum gepflanzt wurde, zur Seite, um dann galant die Sitzerhöhung für das Gastkind auf den Beifahrersitz zu werfen. Unglücklicherweise haben sie den einen, etwas kürzeren, Rosenstrauchzweig nicht einkalkuliert und er flitscht ihnen seitlich ins offene Auge. Sie lassen also Autotür, Kindersitz und Rosenstrauch los und hüpfen, eine Hand auf das Auge pressend, herum. In dem Moment geht der Alarmmodus ihrer Kinder an und sie rufen unisono: „Vorsicht Mama, Hundescheiße“.

P.S. Keine Sorge: Mutter und dazugehörigem Auge geht es gut, sie weiß jetzt auch, wie es ist, als ungeduldiger Patient in der Ambulanz zu warten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Alaaf und Helau oder auch „Der ganz normale Wahnsinn“

Februar. Die Zeit, in der der Rheinländer philosophisch wird. Sich in Frage stellt. Einem tiefen Bedürfnis auf den Grund geht. Wer oder was bin ich? Wer oder was möchte ich sein?

Gut, man könnte auch einfach sagen: Februar, der Monat, in dem der eh schon verrückte Rheinländer völlig durchknallt. Sich grüne Mülltüten und ein Krönchen anzieht, behauptet, er sei der Froschkönig und lauthals „Kamelle“ quakt.

Ja, wir sind jeck hier in Rosas Welt. Gut, man könnte jetzt sagen, das sind wir immer. Stimmt auch irgendwie.

Wenn wir in den Urlaub fahren, hört und sieht man dank unserer Kinder sofort, wo wir herkommen. Sie sitzen am Strand, werfen vor Freude Sand in die Luft und rufen: „Kamelle“. Sie toben im Stroh eines bayrischen Bauernhofs und rufen: „Kamelle“.

Aber im Februar sind wir eben noch etwas jecker. Oder bescheuerter, je nach Sichtweise (okay, der Mann versucht immer noch, sich fünf tolle Tage lang die Decke über den Kopf zu ziehen, aber keine Chance, hier haben sich meine Gene durchgesetzt).

Wie so ein Karnevalstag im Hause Rosa aussieht? Ein Beispiel:

6.45 Uhr Wecken. „Denn wenn dat Trömmelche jeht“ dröhnt aus dem Kinderzimmer.

7.01 Uhr ich brauche dringend einen Kaffee, muss aber erst noch helfen, den Lego-Duplo-Karnevalszug aufzubauen.

7.15 Uhr ich hätte jetzt Zeit für einen Kaffee, muss aber erst einmal meinen Fuß verarzten. Auf der Sohle prangt der Abdruck eines Sheriffs-Sterns.

8.00 Uhr „Jommer in en andere kaschämm…“. Der kleine Sultan hat Dooscht und die Karawane zieht gen Küche. Kaffee…

8.21 Uhr vor mir stehen ein Cowboy und ein Indianer und fordern Kamelle. „Was machst du da mit meinem Kleiderbügel?“ „Das ist mein Bogen, uh!“ Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf. Uh. Der Kaffee ist übrigens mittlerweile kalt.

8.53 Uhr fertig machen für den Zooch. Also für einen der vielen am Karnevalswochenende. Der Große hadert noch ein bisschen damit, dass ich künstlerisch nur minderbegabt bin und ihm deswegen nicht ein Darth
Maul-Gesicht schminke. Aber das Astronautenkostüm überzeugt durch den Helm, mit dem man prima Kamelle fangen an.

9.07 Uhr Der Kleine hat sich gerade überlegt, dass er doch lieber passend zum Astronauten-Bruder ein Außerirdischer sein möchte. Wo sind nochmal die grünen Mülltüten? Dazu noch zwei silberne Glitzerkugeln von Weihnachten auf den Kopf. Fertig.

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9.23 Uhr „Mama, bist du soweit?“ Ja, da ist sie dann, die Sinnkrise. Wer oder was bin ich?
Wo ist nur das Hexenkostüm? „Du sollst dich doch verkleiden“, sagt der Mann. Okay, Teufelin. „Als was nicht zu offensichtliches.“ Dann eben Clown. „Och Mama, ein Clown bist du jeden Tag“, sagt der Große. Keine Sorge, das ist unsere Art von Humor hier.

9.38 Uhr Wo sind denn jetzt schon wieder die grünen Mülltüten hin? Der Kleine und ich gehen im Partnerlook.

10 Uhr Wir sind am Zugweg. En unserem Veedel. Wir tun, was Rheinländer so tun im Februar. Wir schreien Alaaf und Kamelle (bei Besuchen in meiner alten Heimat auch mal Helau). Wir schunkeln. Der Mann schnappt. Ich hebe mangels Fangkünsten Kamelle auf. Die Kinder halten ihre Taschen auf und essen.

Irgendwann am Mittag sind wir wieder daheim. Jetzt aber: Kaffee. Und dazu ein Berliner. Aus dem Kinderzimmer hört man es scheppern. Die Jungs stehen auf dem Hochbett und machen, was Kinder Karneval so machen. Sie werfen Kamelle vom Wagen.

Also – halten Sie Mülltüten parat. In diesem Sinne für die nächsten Tage schon einmal: Alaaf! Und Helau!

Opa lässt Pollen schneien

Das Thema trage ich seit April des vergangenen Jahres mit mir herum. Die Texte von Frl.Null.Zwo und @stadtneurotikr berührten dann Ende des Jahres genau diesen wunden Punkt, wie gehe ich mit dem Thema Tod und Kinder richtig um. So viel vorweg: Es gibt keine Pauschalantwort, es gibt schließlich auch nicht „das Kind“, sondern lauter verschiedene kleine Menschen. Ich hoffe nur, dass ich den für meine Kinder richtigen Weg gefunden habe.

„Wer bist du – und was schleichst du hinter mir her?“ „Schön, dass du mich endlich bemerkst“, sagte der Tod. „Ich bin der Tod.“ Die Ente erschrak. Das konnte man ihr nicht übel nehmen. „Und jetzt kommst du mich holen?“ „Ich bin schon in deiner Nähe, so lange du lebst – nur für den Fall.“ „Für den Fall?“ fragte die Ente. „Na, falls dir etwas zustößt. Ein schlimmer Schnupfen, ein Unfall, man weiß nie.“ (aus Wolf Erlbruch, Ente, Tod und Tulpe)

Der Anruf kam, als ich mit den Kindern bei ihrer Kita-Freundin im Garten saß. Ein schöner Frühlingstag, die Sonne kitzelte. „Er ist tot, Papa…“ Eingehangen. Es war mehr ein Schreien, die einzelnen Worte kaum zu verstehen. Aber die Panik in der Stimme meiner Mutter sagte alles. Als ich dem Großen sagte, Opa ginge es nicht gut, ich würde jetzt hinfahren und sie könnten noch hier spielen, bis Papa sie abholen würde, nahm er mich kurz in den Arm und sagte: Okay. Kein Theater, kein Ich-will-aber-mit wie sonst so oft. Nur ein intensiver Blick, eine Umarmung.

Als ich abends beschloss über Nacht bei meiner Mutter zu bleiben, telefonierte ich mit den Jungs. „Ist Opa tot? Wo ist er jetzt?“ Es war nur der Anfang von einer Vielzahl von Fragen. Fragen, die auch ein Jahr danach, immer noch auftauchen.

Wie spricht man mit Kindern über den Tod? Wie geht man vor und mit Kindern mit der eigenen Trauer um? Wie schwer dieses Thema ist, wie unterschiedlich Menschen reagieren, wie schnell es in diesen emotionsgeladenen Momenten zu tiefen Verletzungen kommt, wurde mir erst in diesen Tagen der Trauer bewusst. Die Frage, wie man mit Kindern und dem Thema Tod umgeht, überlagerte einiges. Denn für mich stand fest, dass meine Kinder zu mir, zur Familie und damit auch zur Beerdigung gehören – wenn sie dabei sein wollen. Was für eine Lawine ich damit lostrat, habe ich nicht im entferntesten geahnt.

„Tod ist kein Thema, über das man mit Kindern spricht.“
„Als Mutter musst du deine Kinder beschützen, nicht belasten.“
„Eine Beerdigung ist nichts für Kinder, nachher wird er wegen dieser Erfahrung Bettnässer.“
„Sprich nicht mehr als notwendig über den Opa, ermutige sie nicht auch noch, sich mit dem Thema beschäftigen zu müssen.“

Ratschläge dieser Art, von Menschen, die einem durchaus nahe standen, das hat mich getroffen, fassungslos gemacht. Aber es gab auch andere Stimmen. Die Oma erklärte, sie würde gerne jede Frage nach dem Opa beantworten. Der Pfarrer bekräftigte das Einbeziehen der Enkel, die Erzieherinnen der Kita bestärkten mich.

Schon drei Monate bevor mein Vater starb, war der Tod zwischen mir und meinem großen Sohn ein Thema. Völlig unerwartet starb die kleine Tochter einer Freundin. Als ich die Nachricht bekam, hat es mich umgehauen, ich bekam einen Moment lang kaum Luft, dann schossen mir die Tränen in die Augen. Und der Große sah mich weinen. Ich hätte es nicht verbergen, schönreden können. Und so sprachen wir erstmals über den Tod. Es war der Augenblick, in dem ihm klar wurde, dass jeder sterblich ist. Man muss nicht alt oder sehr krank sein. Auch er kann sterben. Oder sein Papa. Oder ich. Oder eben sein Opa. Wir sprachen darüber, dass Sterben zum Leben gehört. Das Trauern dazu gehört. Dass man Weinen, aber dennoch auch immer noch Lachen kann.

Als der Opa dann starb, hat er geweint. Und er hat gefragt, nach Geschichten vom Opa. Woran erinnere ich mich gerne, was hat Opa als Kind erlebt, wie hat er Oma kennengelernt. In diesen Tagen/Wochen wollte er nichts Vorgelesen bekommen. Ich sollte vom Opa erzählen. Vom Quatschmacher-Opa, der prima Reimen konnte. Vom König der Arschbomben, bei keinem spritzte das Wasser höher. Wir haben zusammen geweint und gelacht. Und ich glaube, in dieser Zeit hat er verstanden, was ich damit meinte, dass der Opa zwar tot, aber dennoch immer irgendwie bei uns, in unserem Herzen sei.

Für die Beerdigung bastelte er eine Kerze, mit einem Regenbogen und einer Taube darauf. In der Kita war gerade das Thema Arche Noah behandelt worden. Die Entscheidung, ob er bei der Beerdigung dabei sein wolle oder nicht, habe ich ihm überlassen. Wir haben darüber gesprochen, was eine Beerdigung ist. Wir haben gesagt, dass er mit allen die Beerdigung feiern könne oder dass wir am Wochenende darauf alleine zum Grab gehen könnten und er ganz normal zur Waldwoche in die Kita könnte. Er hat eine Nacht drüber geschlafen. Am nächsten Tag hat er gesagt: „Mama, du hast immer erzählt, dass Opas Lieblingsort der Wald ist. Ich möchte lieber in den Wald und dann später mit dir und Papa allein zum Grab.“

So haben wir es auch gemacht. Als wir uns am Tag der Beerdigung dann abends unterhielten, erzählte er ganz stolz: „Mama, als ich im Wald stand, da schneite es plötzlich Pollen auf uns herunter. Das war der Opa, der hat sie uns geschickt.“

P.S. Und wer glaubt, ein Dreijähriger wäre zu jung für dieses Thema, würde es nicht verstehen, der unterschätzt Kinder gewaltig. Auch der Kleine hat gefragt, wollte Geschichten vom Opa hören. Hat sich mit dem großen Bruder über den Opa unterhalten. Einen Monat nach dem Tod wurden in der Kita T-Shirts bemalt. Der Kleine malte sich, eine Sonne darüber – und eine Wolke. „Auf der sitzt der Opa, der ist immer bei mir.“

Von Ängsten und vom stark Machen

Ein Kasten voller Sand, ein kleines Teesieb und unzählige kleine „Edelsteine“. Beim Tag der offen Tür von Abenteuer Lernen hätte ich unseren Großen dort den ganzen Tag abgeben können. Der Rabauke, der so gern tobt und Spaß an Experimenten hat, wollte nur noch nach Schätzen graben. Und an diesem Abend im Herbst verkündete er mir dann: „Mama, ich will einen Ägypten-Geburtstag. Mit Ausgrabungen und Toilettenpapier-Mumien-wickeln.“

Mittlerweile ist es Winter, der Geburtstag steht vor der Tür und für K1 ist immer noch klar, es soll eine Mottoparty ins Land der Pharaonen werden. Und um noch ein paar Ideen zu sammeln, verbanden wir das Planen mit einem Ferienausflug ins Ägyptische Museum der Universität Bonn. Mit der Straßen-/U-Bahn ging es also in die Innenstadt, wir kamen aus der Haltestelle und standen direkt vor der schönen Universität Bonn.

„Was ist eine Universität noch einmal, Mama?“ Ich erzähle vom Studieren nach der Schule, von verschiedenen Berufen, die man so erlernen kann, erzähle von meinem Studium. „Hier lernen also ganz viele?“ Ich habe mir bei der Frage nichts gedacht, sie bejaht. Aufgeregt, dachte ich, hielt er meine Hand.

Im Museum schaute er sich neugierig um, ließ sich die Erklärungen für Kinder vorlesen, saugte vieles auf wie ein Schwamm. Aber mir fiel auch seine Nervosität auf. Eine Gruppe Kinder, die an einem Workshop teilnahm, scherzte. Lautes Lachen im Raum. Der Große zuckte zusammen, beobachtete sie. Jaja, alles in Ordnung versicherte er.

Wieder draußen mussten wir auf dem Weg zur U-Bahn an ein paar Teenies vorbei, die übriggebliebene Knaller in Pfützen warfen. K1 klammerte sich an meiner Hand fest. In der U-Bahnstation tickte die SOS-Station kurz. „Was ist das?“ Ich sprach beruhigend auf ihn ein, versuchte alles zu erklären, ich dachte, zu viele Eindrücke. Wir nahmen die nächste Bahn zum Hauptbahnhof, stiegen dort um. Und schlagartig wurde er ruhiger, sicherer.

Am nächsten Tag, ganz beiläufig in einem ganz anderen Zusammenhang dann die Erklärung. „Klingt wie eine Bombe. Wir waren ja gestern auch in so einem Haus mit Bombe.“
Wir waren was und wo?
Mir sträubten sich alle Nackenhaare.

Rückblick: Anfang November kam der Große tränenüberströmt zu mir in die Küche. Im Streit mit seinem Bruder um eine CD hatte er aus Frust das Radio angeschaltet. Just in diesem Moment kam die Nachricht, in Nigeria sei in einer Schule eine Bombe explodiert, Schüler seien getötet worden, überall Blut.

Das hat ihn damals zutiefst erschüttert. Eine Schule, ein sicher geglaubter Ort. Warum mussten Schüler sterben? Es hat an jenem Abend lange gedauert, bis ich ihn beruhigen konnte. Und dann stehen wir knapp zwei Monate später vor einer Universität, einem Ort des Lernens, an dem viele zusammen treffen. Ein Zusammenhang, auf den ich so nie gekommen wäre. Viele Menschen, draußen knallt es, in der U-Bahn tickt es. Was muss er für eine Angst gehabt haben.

Angst ist nichts Fassbares, Logisches. Angst ist nichts Schlimmes, nichts, dass man verdrängen muss. Manchmal ist sie wichtig, macht sie einen doch vorsichtiger. Aber sie darf nicht lähmen. Ich möchte meine Kinder behüten, beschützen, bewahren. Aber ich möchte auch, dass sie die Welt neugierig und offen erkunden. Und da ist sie wieder, die Gratwanderung, die mich seit nun bald sieben Jahren beschäftigt: Das richtige Maß zwischen beschützen und los lassen.

Ich denke, ich kann nur eines für meine Kinder tun: Sie ernst nehmen und bestärken. In ihren Interessen, ihrer Neugier, ihrem Selbstbewusstsein. Sie stark machen. Sie in den Arm nehmen, sie laufen lassen. Der schwierigste Job, den ich je hatte. Und die größte Herausforderung.