Die unwiederbringliche Leichtigkeit des Wäschestreckens

Aufgeregt schnattern sie alle um mich herum. Was sich wohl in, hinter, auf diesem merkwürdigen Schrank auf der Bühne befindet? Was es mit dem Wäscheständer auf sich hat? Herr und Frau Meier stehen am Theatereingang und begrüßen jeden Gast. Für einige im Zuschauerraum ist es bestimmt der erste Theaterbesuch ihres Lebens, und als das Licht langsam ausgeht, tritt ehrfürchtige Stille ein.

Ich freue mich auf ein schönes Stück, darauf zu sehen, wie mein Jüngster und seine Freundin das Geschehen rund um „Frau Meier, die Amsel“ wohl aufnehmen werden.

Und dann stehen Frau und Herr Meier einträchtig am Wäscheständer und es trifft mich unerwartet, ich bin plötzlich wieder 4 oder 5. Es zieht mir kurz das Herz zusammen, aber dann breitet sich wohlige Wärme aus. Da steht ein Ehepaar auf der Bühne, hängt gemeinsam die Wäsche ab und faltet sie. So, wie ich es seit Jahren nicht mehr gesehen habe. So, wie ich es in meiner Kindheit immer gesehen habe.
Vor dem Bügeln nimmt jeder eine Seite der Wäsche und zieht daran, voller Kraft. Nicht ruckartig, sachte, aber kraftvoll. Mit seinem ganzen Gewicht lehnt sich jeder zurück, in der Gewissheit, der andere tut es auch und streckt so Handtücher – oder wie bei uns früher Tischdecken.

Diese langen, weißen Tischdecken, die an Feiertagen auf die große Tafel kamen. Wenn gut und gerne 20 Personen Platz finden mussten. Und bevor diese langen, gerade frisch gewaschenen Tischdecken durch die Heißmangel gezogen wurden (ich habe dieses Gerät geliebt), rief meine Mutter meinen Vater. Zum Decken strecken. Sie standen sich gegenüber, und so wie tagsüber im Geschäft, war auch hier jeder Handgriff der beiden aufeinander abgestimmt. Einmal längs falten, ziehen. Kräftig, aber sachte. Wie oft habe ich daneben gestanden und geschaut, ob einer den anderen vielleicht fallen lässt, zu früh nachgibt. Wie oft hat einer von beiden nur einen Moment die Spannung ausgesetzt, um den anderen kurz einknicken zu lassen, aber sich dann wieder zurückgelehnt, um den anderen nie umfallen zu lassen. Wie oft haben wir drei dann da gestanden und uns kaputt gelacht. Und dann durfte ich auch ziehen, schauen, ob ich stärker bin als die beiden. Jedes Mal erleichtert, festzustellen, sie fangen mich immer auf. Dann ging man aufeinander zu, bis das gute, glatte Wäschestück zusammengefaltet werden konnte. Wie jetzt eben in dem Theaterstück.

Einen kurzen Moment war ich wieder 4. Und hatte eine Kloß im Hals, weil ich wusste, dass diese Zeit doch unwiederbringlich vorbei ist. Aber dann musste ich den Rest des Nachmittags lächeln.

Und wenn der Jüngste groß ist, dann hoffe ich, sitzt er irgendwann einmal in einem Theaterstück und zuckt kurz zusammen, weil ihn eine Szene, eine Mimik, ein Bühnenbild daran erinnert, wie er einmal aufgeregt auf dem Schoß seiner Mutter saß, sie umarmte und sie glücklich zusammen über die neu gefundene Leichtigkeit der Frau Meier lächelten.

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